Nun also: Arif Tasdelen

von André Freud:

 

Nun also hat der Berg gekreist. Die SPD nominierte nicht den aus der katholischen Bildungsarbeit kommenden Michael Ziegler als Kandidaten für den Landtag im Wahlkreis Nürnberg-Nord, sondern Arif Tasdelen.

Die NN leistet sich mal wieder einen echten Insiderscherz, indem sie vom angeblich überraschend deutlich Ergebnis für Tasdelen schreibt: 32 zu 15 Stimmen. Der Scherz besteht darin, daß nach den hier gewonnenen Eindrücken die NN selbst Tasdelen bevorzugt dargestellt und Ziegler nur wenig Raum in der Berichterstattung gab. Es ist auch insofern ein Scherz, als das Ergebnis längst feststand.

Am 4. Oktober trafen Tasdelen und Ziegler im Karl-Bröger-Haus aufeinander, um sich vor der Öffentlichkeit vorzustellen. Bei dieser Veranstaltung waren bemerkenswerterweise fast gar keine SPD-Delegierte anwesend, die gestern abend Tasdelen wählten. Am Rande der Veranstaltung konnte man selbst als CSUler nicht verhindern, folgendes mitzubekommen: Tasdelen war der Kandidat der SPD-Funktionäre; sie wollten ihn auf den Schild heben. Deswegen galt auch bereits als ausgemacht, daß Tasdelen mit einem guten Listenplatz ausgestattet werden soll, während Ziegler einen aussichtslosen Listenplatz bekommen hätte. Damit war alles klar, es war längst eingetütet: Tasdelen sollte es werden.

Wer aber ist dieser Tasdelen? In gewissen Grenzen ein geschickter Wahlkämpfer, verglichen mit anderen SPDlern. So nutzte er die Versammlung, um vielfach seine kleine Tochter auf dem Arm herumzutragen, sich als liebevoller Vater zu präsentieren. Er erwähnte mehrfach lobend seine Schwiegermutter und seine Eltern, er posierte mit seiner Frau für Photos. Recht amerikanische Verhältnisse für die dröge SPD. Aber das ist optische Beitat, mit der sich jemand emotional empfehlen möchte. Ziegler mit seinem eher sachlichen Auftritt fiel da schon weit zurück – jedenfalls bei jenen, die für solche Selbstdarstellung empfänglich sind.

Sagte Tasdelen auch etwas Inhaltliches? Ja, das gab es durchaus. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Christian Vogel stellte beiden die gleichen Fragen, auf die sie übrigens weitgehend gleich antworten. Aber bei den wenigen Unterschieden, die es gab, da konnte man schon zusammenzucken. So erklärte Tasdelen, daß man die Meinungsfreiheit dort einschränken müsse, wo Menschen beleidigt werden können. Das geht gar nicht, Herr Tasdelen! Denn dann bestimmt jeder, der beleidigt sein könnte, was andere noch sagen dürfen und was nicht – das ist das Ende der Meinungsfreiheit. Bei uns sind die Menschen frei, beispielsweise Religionen abfällig zu betrachten. Daß das oft geschmacklos ist – geschenkt. Aber es gibt keine guten Meinungen, die man äußern darf, und andererseits böse Meinungen, die man nicht äußern darf. Ein solches Verständnis von Meinungsfreiheit ist einer Diktatur angemessen, nicht einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat. Da muß jemand noch das kleine Einmaleins des Grundgesetzes nachholen.

Und dann war da noch etwas anderes. Es wurde die Frage gestellt, warum weder er, Tasdelen, noch Ziegler noch sonst irgendein Mitglied der SPD am Vortag, dem Tag der deutschen Einheit, anwesend waren, als 20 Meter vor dem SPD-Haus zwei „Stolpersteine“ verlegt wurden, die an Leben und Tod der dort bis zu ihrer Deportation lebenden Nürnberger Juden Nicolaus und Lina Reis erinnern. Alle – Vogel, Tasdelen, Ziegler – antworteten ausweichend. Tasdelen aber nahm die Frage zum Anlaß, Parallelen zwischen den Haßverbrechen der NSU und den Morden der Nationalsozialisten herbeizureden. Und niemand im Publikum schien sich daran zu stören. Vielleicht gibt jemand diesem jungen, anscheinend etwas arg orientierungslos in die Landespolitik stolpernden Mann ein wenig Grundwissen an die Hand.

Andererseits: so nötig es ist, es wird der Kandidatur des Arif Tasdelen nicht zum Erfolg verhelfen. Mit Tobias Schmidt steht auf Seiten der CSU ein seriöser, kompetenter und ernsthafter Politiker fest. Die CSU nominiert niemanden zum Nachfolger von Günther Beckstein, von dem sie sich nicht in vielen Jahren des Engagements eine sehr fundierte Meinung hat bilden können. Mit Tobias Schmidt steht ein Kandidat auf dem Wahlzettel, der aufgrund seiner politischen Überzeugungen, seines glaubhaften Auftritts und auch deswegen, weil er für niemanden eine Klientelpolitik betreibt, sondern sich fürs Ganze einsetzt.

Das ist bei Tasdelen durchaus anders. Bei dem Kandidatenwettbewerb am 4. Oktober, der ja bereits überflüssig war, weil die SPD-Funktionäre sich längst entschieden hatten, wurde das sehr deutlich. Tasdelen tritt prononciert als Kandidat einerseits der Türken, andererseits der Muslime auf. Das darf er natürlich. Aber damit wird er beim Wähler keinen Erfolg haben. Unter den etwa 70 Besuchern der Veranstaltung war ein Großteil türkischstämmig. Mehrere an ihn gerichtete Fragen drehten sich um politische Wünsche dieser Gruppe. Die Antworten Tasdelens zeigten, daß er eine arg einseitige Vorstellung von Integration hat, die auch beim SPD-Wähler so nicht auf Akzeptanz stoßen wird. Von „Fordern und Fördern“ scheint Tasdelen nicht viel zu halten; Forderungen an die Zuwanderer waren nicht zu hören, aber Förderungen scheint er reichlich zu wollen. Im Allgemeinen hat die Diskussion um die Probleme der Integration mittlerweile die Erkenntnis erlangt, daß neben den vielen erfolgreichen Beispiele auch (zu) viele Beispiele von Mißerfolgen vorhanden sind, und daß diese bedingt sich durch ein nicht ausreichendes Engagement mancher Migranten, so daß mit noch mehr Förderung hier kaum etwas erreicht werden kann; es stehen die notwendigen Forderungen im Zentrum der politischen Diskussion. Tasdelen scheint dies anders zu sehen. Und gerade daraus ergibt sich, daß er ein Kandidat von gestern, aber keiner von heute ist. Mit Tasdelen werden die Diskussionen, die doch schon ewig und drei Tage geführt werden, nochmals geführt werden. Davon hat keiner etwas. Und die SPD wird den Wahlkreis Nürnberg-Nord natürlich wieder nicht gewinnen.

Tobias Schmidt wird mit der enormen Unterstützung der geschlossen auftretenden CSU einen guten, überzeugenden Wahlkampf machen. Als Nachfolger von Günther Beckstein im Wahlkreis hat die CSU, so die absolut einhellige Meinung vor und hinter den Kulissen, den richtigen Kandidaten gefunden. Er wird die CSU-Wähler erfolgreich motivieren, zur Wahl zu gehen. Er wird auch manchen, der nicht immer CSU wählt, als glaubwürdiger und integrer Vertreter des Nürnberger Nordens für sich gewinnen können. Tasdelen hingegen wird insbesondere mit seinen integrationspolitischen Vorstellungen, seiner Art der Selbstinszenierung, seinem zuweilen nervösen Auftreten auch zahlreiche SPD-Wähler nicht überzeugen.

 

Bilder: Freud

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3 Kommentare

  1. halligator sagt:

    Dass Sie Herrn Schmidt bevorzugen, ist Ihr gutes Recht und Ihre Meinung, für die Sie sicher Ihre Gründe haben. Wenn man den letzen Absatz liest, möchte man aber fast glauben, hier spricht einer , der in die Zukunft blicken kann. Wie ein Prophet (aber nicht Mohammed) weissagen Sie uns tausend Dinge über den wunderbaren, makellosen Schmidt, die eintreten werden:
    „Tobias Schmidt wird (…) wird (…) wird (…)“.
    Das hat fast schon ein Hauch religiöser Dogmatik.

  2. Naja, religiös ist das sicher nicht. So sehr mir Politik Freude bereitet, so sehr ist mein Verhältnis zu ihr ein weltliches. Ich habe mir übrigens über diesen Satz in der Tat ein, zwei Gedanken mehr gemacht als über andere. Es sollte nämlich nicht der Eindruck entstehen, als nähme ich die Wahlentscheidung als bereits vorgegeben an. Im Wahlkampf kann viel passieren, schwache Kandidaten können überraschend punkten, gute Kandidaten können überraschend Fehler begehen. Mit meiner Formulierung brachte ich zum Ausdruck, daß ich beides für sehr unwahrscheinlich halte. Wer Tobias Schmidt kennt, hat aufgrund dieses Kennens Anlaß zur Zuversicht, daß er den Wahlkampf ernsthaft, seriös und glaubwürdig bestreiten wird und somit zumindest die vorhandene, „eigene“ Wählerklientel wird motivieren können, zur Wahl zu gehen und ihm seine Stimme zu geben. Wer Arif Tasdelen bei der Kandidatenbewerbung der SPD erlebt hat, der kann sich ebenfalls ein Urteil oder wenigstens eine Einschätzung erlauben. Ich denke, die Nürnberger SPD-Wähler insofern halbwegs realistisch einschätzen zu können, daß ich glaube, daß sie nicht in gleichem Maße sich für einen Kandidaten Tasdelen werden erwärmen können, wie die Nürnberger CSU-Wähler für einen Kandidaten Tobias Schmidt. Damit bin ich vorerst nicht im Bereich des Stimmengewinns im gegnerischen Lager, sondern nur bei meiner Einschätzung des Erfolgs im jeweils eigenen Lager. Da sehe ich Tobias Schmidt klar vorn. Darüber hinaus bin ich auch zuversichtlich, daß kaum ein CSU-Wähler diesmal zur SPD wechseln wird, daß aber andererseits mancher SPD-Wähler CSU, also: Tobias Schmidt, wählen wird. Ich begründe das vor diesem hier inkriminierten Satz ausführlich. Es ist also meine Einschätzung. Mit allen Vorbehalten, die man gegenüber Prognosen haben muß. Oder, wie Niels Bohr sagte: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“. Mit dieser Einschränkung bleibt die Prognose stehen: Ich bin zuversichtlich, daß Tobias Schmidt den von Günther Beckstein übernommenen Wahlkreis Nürnberg-Nord mit einem überzeugenden Ergebnis gewinnen wird.

  3. steinar.thomasson sagt:

    Ihre Zuversicht – Nils Bohr-Zitat hin oder her – speist sich aus ganz profaner politischer Binsenweisheit:
    Für die Erststimmen-Kandidaten gilt ein ganz einfacher Zusammenhang:
    Linke, Freie, FDP, Piraten greifen nur rudimentär ins Abstimmgeschehen ein. Von den verbleibenden drei, Union, SPD, B90/Grüne lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen: SPD und Grüne bekämpfen sich immer wieder aufs Neue gegenseitig und krebsen jeweils zwischen 20 und max 30 %-Punkten herum und die Schwarzen lachen sich ins Fäustchen: Sogar einer wie Söder, mit einem der schlechtesten Erststimmenergebnisse landesweit, liegt immer noch weit, weit vor der rot-grünen Konkurrenz.

    Und solange die oben beschriebene „rot-grüne Selbstzerfleischung der Stimmkreiskandidaten“ fortbesteht, dürfte jemand wie Sie, Herr Freud, sich allenfalls Gedanken um den LISTEN-Platz (also Zweitstimme) von Herrn SPD-Arif machen.
    Zu Ihrer großen Freud‘, Herr Freud, stehen die vier Erststimmen-Abgeordneten in Nürnberg aus dem oben beschriebenen Grund schon jetzt fest: alles schwarz ( wie in teuflischer Finsternis 🙂 , diesen religiös angehauchten Zusatz wollte ich noch unterbringen ) .

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