Kopie! Na und?

von André Freud:

Nürnberg 1945: rechts hinten steht noch die Westfassade der Frauenkirche, ganz rechts die Ruine des Fleischhauses (manchen vielleicht nur noch als Starbucks am Hauptmarkt bekannt), darum herum Ruinen, Ruinen, Ruinen

Im Sommer 1945 erwog man ernsthaft, den Rest auch noch plattzumachen und die Stadt komplett neu aufzubauen. Seien wir froh, daß man nicht so verfuhr. Wenn man heute die Nürnberger Altstadt beschaut, dann findet man viele Gebäude, die älter zu sein scheinen – es aber bis auf den Keller und ein paar Mauern streng genommen nicht mehr sind. Man nehme nur die Ruine des Fleischhauses im Bild ganz rechts: natürlich ist das heute eine Kopie. Gleiches könnte man über die Kaiserburg sagen, über die Bürgerhäuser, über Kirchen, Brücken, Gasthäuser, Plätze, Wohngebäude.

Nun sind seit der Zerstörung 67 Jahre vergangen, ein knappes Menschenleben. Die meisten Menschen, die heute durch Nürnberg gehen, nehmen das, was sie sehen, als „Nürnberg“ wahr. Sie fragen nicht danach, ob es heute noch die gleichen Sandsteine sind wie im 15. Jahrhundert. Eine solche Frage wäre auch in gewisser Weise sinnlos, denn im Laufe der Zeit bleibt bei allen Häusern kaum etwas so, wie es einmal ursprünglich war. Üblicherweise bleiben die Mauern erhalten, aber das war es auch schon. Dächer werden neu gedeckt, Fenster werden erneuert, Decken und Böden werden saniert; zuweilen kommt es zu einer Entkernung, so daß außer der Fassade nichts mehr bleibt. Und dennoch wird man danach eben nicht von einer „Kopie“ sprechen, sondern von einer Sanierung, einer Instandsetzung, einem Wiederaufbau. Warum das so ist? Weil das Wesen des Gebäudes erhalten bleibt. Auch ein Fleischhaus, das so erst wieder vor wenigen Jahren entstand, verkörpert das alte Fleischhaus. Die Kopie des Schönen Brunnens – übrigens schon vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Hauptmarkt aufgestellt, weil das Original so derartig kaputtrestauriert wurde, daß man es entfernen mußte, um dem Original wieder näherzukommen – erlebt niemand als Kopie.

Ist deswegen Nürnberg eine Art Disneyland? Nein, das ist es nicht. Der Grund dafür ist ebenso einfach wie unumstößlich. In Disneyland werden Objekte gezeigt, die es am gegebenen Ort niemals gab. Die Frauenkirche in Nürnberg aber ist die Frauenkirche in Nürnberg – auch, wenn das meiste, was man sehen kann, neu errichtet, wieder errichtet worden ist. Wenn also etwas wiederhergestellt wird, was am gleichen Ort stand und stehen wird, wenn das, was wiederhergestellt wird, das alte Original wiedergibt, dann ist es eben keine Kopie, sondern eine Wiederherstellung.

Will man unserem Nürnberg böse, dann erklärt man alles zur Kopie. Will man aber im Urteil gerecht sein, dann erklärt man, daß das Nürnberg von heute ein wiederaufgebautes Nürnberg ist.

Dabei mag folgender Vergleich dienlich sein: Was wäre, wenn der Rathaussaal mit Dürers Ausmalung durch zündelnde Kinder abgebrannt worden wäre? Würde man dann auch dafür plädieren, daß man ihn nicht mehr aufbauen dürfte, weil es eine „Kopie“ sei? Man kann die traurige Entwicklung des Nürnberger Rathaussaales auch so verstehen: Nach der Zerstörung wurde ein virtuelles Baugerüst errichtet, um ihn wiederaufzubauen. Und als man den Rathaussaal baulich wiederhergestellt hatte, traten die Nürnberger in eine Denkpause ein. Eine Pause vom Denken, wohlgemerkt. Nun ist es an uns, diese Denkpause zu beenden und zu vollenden, was unser Auftrag ist.

Der wiederhergestellte Nürnberger Rathaussaal mit der Ausmalung von Albrecht Dürer wird nicht das Original sein. Das behauptet auch niemand. Aber er wird das sein, was die Nürnberger, was Albrecht Dürer und Willibald Pirckheimer schufen. Er wird so sein, wie er geschaffen wurde. Und es wird irgendwo ein Schild sein, auf dem steht: „Nach der Zerstörung am 2. Januar 1945 wiederaufgebaut im Jahr 20xx“. Niemand wird den Saal besuchen und dann ins Gästebuch schreiben „Ha! Es ist ja bloß eine Kopie!“.

Die Menschen werden diesen Saal im Wissen, daß es eine Rekonstruktion ist, als das annehmen, was er ist. Und sie werden uns dankbar sein. Man muß den Blick auch einmal in die Zukunft richten. Läuft heute irgend ein alter Nürnberger durch die Stadt, der dem Rat den Vorwurf macht, die zerstörten Gebäude wiederhergestellt zu haben? Ich kennen keinen. Und so werden auch die Menschen in dreißig, in fünfzig und in hundert Jahren denen, die sich heute für die Wiederherstellung einsetzen, noch nachträglich Dank sagen. Und wenn sie dann hören, daß manche dagegen waren, dann werden sie sich wundern, wie man nur dagegen sein konnte, die Vergangenheit unserer Stadt zu bewahren. Ob nun im Original oder als Rekonstruktion.

Oder, um mit Goethe zu sprechen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“.

 

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