Einfach mal im Rathaussaal das Licht ausmachen

von André Freud:

Der Herr Oberbürgermeister Uli Maly, haltenzugnaden, gewährte einer der beiden großen Nürnberger Tageszeitungen ein Interview, und, man staune, es kam nicht die zuweilen einer Art Hofberichterstattung geziehene NN zum Zuge, sondern die bürgerlichere und, man verüble mir meine persönliche Wertung nicht, intellektuellere NZ.

Hurra, denkt sich da der unvoreingenommene Leser. Wir erhalten Antwort auf so viele Fragen, die uns bewegen! Endlich geht es voran! Trotz vieler Enttäuschungen über den OB, der selbst als die größte Leistung seiner gut zehnjährigen Amtszeit darin erblickt, den Streit der Gemeinden in der Metropolregion verringert zu haben, wird man ja wohl noch hoffen dürfen. Vielleicht, so mag der eine oder andere gedacht haben, hat der OB nach zehn Jahren des ziellosen Verwaltens nun frischen Schwung bekommen, und macht sich ans Gestalten! Könnte doch sein, oder? Aber ach, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Nachdem ich mich noch auf keine Meinung festgelegt habe, kann ich sie jetzt auch nicht geändert haben

Abgesehen vom verkehrten Tempus („hatte“ wäre richtig gewesen), ist dieser Satz ein Schlüssel zum Verständnis der Politik des OB. Keine Meinung gehabt zu haben, ist eine Sache. Sie aber deswegen nicht ändern zu können – das ist schon süß, direkt anheimelnd in seiner phrasendreschenden Beliebigkeit. Erstens wäre schließlich auch die Entwicklung einer Meinung eine Änderung. Und zweitens, der Ober verüble es mir nicht allzu sehr, nehme ich ihm das nicht ab. Die Frage galt nämlich dem Fortbestand des Baureferats. Wie alle wissen, und wie alle berichteten, wollte Maly das Baureferat abschaffen. Nur kam er damit nicht einmal bei seiner eigenen Partei an. Das ganze ist also nichts anderes als ein Zurückrudern, ein Aufgeben der früheren Position. Maly weiß, daß der Widerstand der Stadträte aller Parteien zu groß sein wird, um sein Vorhaben zu realisieren. Also tut er das richtige, er rudert zurück. Aber warum sind manche Politiker einfach nicht mehr in der Lage zu sagen: „Jawohl, ich hatte diesen Plan; er läßt sich nicht durchsetzen, auch haben mich manche Argumente die Sache anders sehen lassen, also stelle ich das Vorhaben zurück beziehungsweise gebe es auf“? Was ist so schlimm daran, eine Meinung zu ändern und das dann auch zuzugeben? Sturheit ist keine politische Qualität. Der Kopf ist rund, damit die Gedanken auch einmal die Richtung ändern können, lautete einer der alten Sponti-Sprüche, und das ist sicher nicht der verkehrteste. Also, werter OB: Wenn man einmal einräumt, sich vergaloppiert zu haben, hat der Bürger durchaus Respekt davor. Es darf natürlich nicht alle fünf Minuten passieren…

Ich habe zu dem Thema Albrecht Dürer weder Ja noch Nein gesagt

Die Umbenennung des Flughafens ist ein kleiner Bestandteil eines umfassenden Pakets zur Stärkung unseres Flughafens – sicher nicht der wichtigste. Hier in diesem Blog wurde der OB über die Gründe, die dafür sprechen, unterrichtet. Er läse den Blog nicht, wie er mir einmal sagte, aber es würden ihm Ausdrucke vorgelegt (der OB führt seine Amtsgeschäfte „analog“, wie man weiß). Vielleicht hat er dort das Wort „branding“ zur Kenntnis genommen, daß er nun selbst im Munde führt. Vielleicht hat er die dortige Anregung, sich von einem Professor der WiSo kundig machen zu lassen, wahrgenommen, oder Wirtschaftsreferent Michael Fraas gab ihm entsprechende Hinweise – das Nähere ist noch nicht bekannt. Erfreulich aber ist, daß Maly hier sich einem vernünftigen Gedankengang nicht verweigert. Daß er die Umbenennung als Frage zweiter Ordnung behandelt, ist okay, und daß er diese Umbenennung nicht mit hohen Kosten aufblasen will, ist völlig richtig. Hier zeichnet sich ab, daß Maly gegen die Meinungen des gelegentlich den Ayatollah-Chomeini-Flughafen in Teheran anfliegenden MdB Günter Gloser und des Fraktionschefs Christian Vogel angeht, der – als Geschäftsführer der Stadtreklame! – von weltweit üblichen Marketingmaßnahmen offensichtlich rein gar nichts hält.

Wenn man Gäste im Saal hat, dann könnte man einfach mal das Licht ausmachen und sagen, so hat es früher ausgesehen

Das sagt der OB zur Frage der Ausmalung des Rathaussaales, zur Frage, ob das Dürersche Deckengemälde wiederhergestellt werden soll. Heiliger Bimbam! Erstens, werter Herr Maly, hätten Sie ein vielfaches an Besuchern im Rathaussaal, wenn das Deckengemälde wieder dort wäre. Man könnte sogar Eintritt nehmen. Es wäre ein Glanzpunkt für die Besucher aus aller Welt. Zweitens: Mal vorgestellt, Sie haben Besucher, führen die in den Saal, knipsen das Licht aus und den Projektor an, und lassen die Besucher staunen. Dann wird’s Licht wieder angemacht, und die Decke erstrahlt in Rauhfaserweiß. Was werden Ihre Besucher Sie als erstes fragen? Natürlich dies: „Und warum stellen Sie diese Pracht nicht wieder her?“ Und was sagen Sie dann, Herr Maly? Ka Zeit, ka Geld, ka Lust? Drittens: Sie sprechen von Ihrem Geschichtsverständnis. Nun sind sie ein studierter Volkswirt, kein Historiker. Auch einem Oberbürgermeister steht es nicht schlecht an, die Meinung von Fachleuten zur Kenntnis zu nehmen. Kann ja nicht schaden! – siehe Flughafenbenennung… Aber zurück in den Rathaussaal. Sie sind dagegen, unwiederbringlich verlorenes wiederherzustellen, um sich darüber zu identifizieren. Das Wort „unwiederbringlich“ können wir mal flott über Bord werfen, denn es ist ja wiederbringlich. Bedeutet diese Aussage, daß Sie gegen die Wiederherstellung des Peller-Hauses durch die Altstadtfreunde sind? Bedeutet das, daß Sie die paar wiederhergestellten Gebäude der Altstadt abreißen lassen wollen, weil das ja auch nur Rekonstruktionen sind? Das alles ist nicht nur nicht zu Ende gedacht, Herr Maly, das alles ist ohne Konzept. Sie schrecken vor beinahe jeder gestaltenden Tat zurück, warum auch immer. Sie sehen in keiner Maßnahme die Chance, Sie sehen stets nur das Klein-Klein. Es ist eben dies einer der Gründe, warum Nürnberg sehr wohl oft als provinziell wahrgenommen wird. Es braucht auch einmal etwas Grandezza, um etwas zu schaffen. Ein wiederhergestellter Rathaussaal hätte halt etwas weniger Kantinencharme, wäre aber Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Es würde in jedem Reiseführer stehen, es wäre ein grandioses Werk. Warum bauen Sie hier nicht auf die Fachkompetenz der Altstadtfreunde? Warum warten Sie gerade an dieser Stelle nicht ab, was weltweit anerkannte Kunsthistoriker sagen? Warum fragen Sie an dieser Stelle nicht Ihre eigenen Tourismusfachleute, was davon zu halten ist?

Die Politik unseres OB ist nicht schlecht – sie ist schlimmer als schlecht, sie ist Mittelmaß. Was hatten Sie vor zehn Jahren für Möglichkeiten! Und wie viele davon haben Sie verstreichen lassen, was ließen Sie nicht alles ungenutzt. Sie hätten Nürnberg enorm voranbringen können, aber Ihre eigene Bilanz zum Zehnjährigen, damals in einem Interview der AZ und hier im Blog ausführlich behandelt, ist in ihrer Belanglosigkeit erschütternd.

OB Ludwig Scholz hat in nur einer Amtszeit vieles, vieles auf den Weg gebracht – was teilweise dann erst in Ihrer ersten Amtszeit Früchte trug und Ihnen dann vielleicht den einen oder anderen Lorbeer eintrug, aber so ist das halt im politischen Leben. Der an sich gar nicht in der Nürnberger Lokalpolitik agierende bayerische Finanzminister Markus Söder hat in den gut acht Monaten seiner neuen Tätigkeit weit mehr für Nürnberg erreicht. Ist das nicht erstaunlich? Wirft das nicht ein bezeichnendes Licht auf das, was in Ihrer Amtszeit falsch läuft, nicht stattfindet? Sie haben doch im Stadtrat die Kooperation mit einer erfolgreichen Partei. Und mit Ihrer eigenen. Da muß doch mehr zu bewegen sein, als die Reduzierung der Streitigkeiten in der Metropolregion! Machen Sie sich dran, Sie sind der OB, Sie können etwas bewegen! Sonst bewegt sich der Wähler, und Sie gleich mit. Was auch nicht schlecht sein muß.

Kleiner Nachtrag: Auch wenn es vielleicht anders wirkt, aber mir fällt dieses scharfe Kritisieren oft nicht leicht.
Ich sehe den OB gelegentlich, und er ist ja durchaus ein
netter Mensch.
Da gibt es Hemmschwellen, ihn so deutlich zu kritisieren.
Aber die Kritik gilt nicht dem Menschen, sie gilt dem OB.
Und da kann ich nicht drüber hinwegsehen, welche schwache    Politik er macht, nur weil er ein netter Kerl ist.
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