Volljährig

#1022

Endlich 18! Autofahren dürfen (inzwischen: allein fahren dürfen), selbst entscheiden zu dürfen, weggehen bis in die Puppen, nicht mehr mit den Eltern mit in Urlaub fahren müssen, Entschuldigungen für die Schule selbst schreiben dürfen, Verträge abschließen, auch mal Hochprozentiges konsumieren dürfen, und, ach, wählen.

In unseren Zeiten der Infantilisierung von Politik freilich ist auch diese Bastion menschlicher Vernunft zugunsten eines wabernden Gefühls unter Bedrohung. Da fordern schon mal gewisse Interessensverbände die Abkehr von der gleichen Wahl, indem beispielsweise die Eltern von Kindern mehr Stimmen kriegen sollen. Oder neuerdings: „Wählen mit 16!“.

Darf man einem Jugendlichen noch sagen, daß da vielleicht noch etwas an Bildung, an Reife, an Erwachsenwerden fehlt, um solche Entscheidungen zu treffen? Darf man, ja, und muß man.

Wählen heißt, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen. Und wer Verantwortung übernehmen will, der muß auch dazu in der Lage sein. Niemand wird bestreiten wollen, daß ein beispielsweise Dreijähriger das noch nicht kann. Kann ein 16jähriger das?

Im Einzelfall vielleicht; in der Mehrzahl vermutlich nicht. Weil noch zu Vieles fehlt, weil Bildung fehlt und Charakterbildung und vieles mehr. Es braucht mehr, um Bürgerrechte und Bürgerpflichten wahrzunehmen. Jeder braucht diese Form des allmählich in das wirkliche Leben Hineinwachsens – und das Wahlrecht ist, auch wenn von manchen mißachtet, eines der wichtigsten Bestandteile des Erwachsenseins.

Es ist auch gut, daß Wahlrecht und Volljährigkeit heute bei uns gleichzeitig eintreten. Wer das Recht hat zu entscheiden, der muß auch in der Lage sein, entscheiden zu können. Der muß verstehen können, daß es bei den wichtigen Entscheidungen des Lebens nicht nur Gefühl eine Rolle spielen darf, sondern auch der Verstand. Der muß verstehen können, daß guter Wille alleine nicht reicht. Der muß die Folgen seiner Entscheidungen absehen können.

Natürlich ist das alles ein Prozeß, und bei kaum einem wird am Morgen des 18. Geburtstag Frau Weisheit an die Tür klopfen und Einlaß begehren; wie jede menschliche Einkunft ist auch das ein Kompromiß, eine Verständigung auf eine allgemeine, gleiche und gemeinsame Grundlage. Wenn man mit 16 wählen darf, warum dürfte derselbe dann keine Verträge frei abschließen?

Man muß Vorschläge in der Politik auf ihre Folgen hin überprüfen und an ihnen bewerten – nicht an einem emotionalen Blup.

Die Parteien haben Jugendverbände, in denen auch Minderjährige, jeder nach seiner Façon, an Politik herangeführt werden. Keinem wird verordnet, wo und wie er das zu tun hat (wenn er es denn tun möchte), und mit Eintritt der Volljährigkeit kann er dann eben auch an den allgemeinen Wahlen teilnehmen. So ist es richtig, und so soll es sein.

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