Im Übrigen bin ich der Ansicht…

#1021

…daß es mehr Licht braucht, wie Goethe anekdotenhalber auf seinem Sterbebett verkündet haben soll. Und wenn die Sonne aufgeht, dann ist Licht. Was aber bringt dies, wenn die Menschheit schläft, oder ein Teil derselben, nämlich der homo europensis?

Im Schlafe nämlich – manchmal muß man sogar Binsen erklären – bringt das Licht dem Menschen nicht so viel. Freilich, nicht jedem bringt sie auch im Wachen etwas – aber die Möglichkeit besteht, grundsätzlich und bei jedem.

Deswegen ist es öde und blöde, wenn viel Licht vom Menschen gar nicht genutzt wird. Besser aber und beglückender ist es, wenn sich der Rhythmus des Menschen dem der Natur ein wenig anpaßt, jedenfalls sofern dies mit vertretbaren Mühen verbunden ist.

Was ist vertretbar? Natürlich rufen jetzt einige, wie furchtbar schädlich es sei, die Uhr zweimal im Jahr umzustellen. Aber ach, ich melde Zweifel an. Wenn auch der eine oder andere Chronobiologe (ja, derlei gibt’s) zeigefingererhebend mäkelt, daß dies für den Menschen angeblich ganz und gar ungut sei, so weiß man doch nicht so recht, wovon die Rede ist. In gleicher Konsequenz ist dann doch auch der Teneriffa-Urlaub (minus eine Stunde), der all-inclusive-Urlaub in der „DomRep“ (minus sechs Stunden), ja sogar der Städtetrip nach London (minus eine Stunde) „gefährlich“. Und das alles nehmen Millionen jährlich, viele auch mehrfach jährlich, gerne in Kauf, um ein Selfie mit Eis zu posten oder ähnliches mehr.

Ja, was denn nun? Zeitumstellung hinnehmbar, wenn urlaubsbedingt nicht anders machbar? Oder Zeitumstellung nicht hinnehmbar, weil gefährlich? Schön wäre es doch, wenn sich einmal eine gewisse Stringenz in der öffentlichen Diskussion einstellte. Aber ach, schon wieder eine Hoffnung, die mangels Geradlinigkeit vermutlich wieder einmal enttäuscht werden wird.

Vergessen wir doch eines nicht: Vor hundert Jahren hatten wir sogar innert Deutschlands noch verschiedene Zeitzonen. Wer von Nürnberg nach, sagen wir: Stuttgart mit der Bahn fuhr, mußte zweimal (!)= die Uhr umstellen – wenn auch nur um ein paar Minuten. Damals allerdings hielt das niemand für gefährlich; die Geschwindigkeiten der Eisenbahn hingegen schon.

Und das bringt uns vielleicht des Pudels Kern – das ist bei Goethe immerhin der Teufel – näher: Menschliche Übereinkünfte werden zum Fetisch. Denn die Zeitmessung ist nichts anderes als eine menschliche Übereinkunft. In mancher Hinsicht war man da im Mittelalter etwas pfiffiger als heute: die Stunden wurden nach dem Sonnenstand gezählt; waren also im Sommer länger als im Winter. Nun will keiner wohl dahin zurück, und es wäre auch mit der heutigen, terminkalenderbestimmten Welt unvereinbar, aber es zeigt etwas auf: Zeit ist etwas absolutes, die Uhr ist es nicht. Wie wir die Zeit messen, hängt nur von uns ab.

Und nun soll mir mal jemand erklären, warum es gut sein soll, wenn sommers die Sonne irgendwann um 3 Uhr noch etwas aufgeht. Das ist für (fast) keinen Menschen gut. Wenn es aber abends länger hell ist, dann ist das für (fast) alle Menschen gut. Ob im Straßencafé oder beim Spaziergang, ob im Straßenverkehr (weniger Unfälle bei Helligkeit) oder bei der Gartenarbeit: mehr Licht dann, wenn (die meisten) Menschen wach und aktiv sind und mehr Dunkelheit dann, wenn (die meisten) Menschen schlafen.

Im Übrigen sei angemerkt: auch bei der derzeit diskutierten ganzjährigen Sommerzeit greifen diese Argumente; für’s Winterhalbjahr freilich mit umgekehrtem Vorzeichen: Sonnenaufgang erst so gegen 9 Uhr ist auch nicht so toll.

Wenn jetzt ein Kritikaster anzumerken beliebte, daß ich mich diesem Thema doch erst vor zwei Wochen widmete: Ja, mei, Überzeugungsarbeit verlangt eben auch die Wiederholung, die nicht zu Unrecht als Mutter der Pädagogik bezeichnet wird.

Und deswegen: Im Übrigen glaube ich, daß wir Sommer- und Winterzeit beibehalten sollten.

 

Der Herr auf dem Bild übrigens ist Cato der Ältere, der mit seinem „ceterum censeo…“ jede seiner Reden im römischen Senat beendet haben soll.

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