Sommerzeit!

#1019

Es ist doch merkwürdig: Menschen, die häufig in den Urlaub aufbrechen und dabei jede Umstellung der Uhren als naturgegeben hinnehmen, beklagen sich über die angebliche Unzumutbarkeit der zweimal jährlich erfolgenden Anpassung der Uhrzeit an den menschlichen Rhythmus. Diese mache krank, sei furchtbar kompliziert und überflüssig. Etwas Neues müsse her!

Muß es? Nein. Bei der Einrichtung der Zeiten, zu denen die Sonne auf- und untergeht, sind Natur – einerseits – und Mensch – andererseits – nicht optimal aufeinander abgestellt. Wenn Politik das menschliche Leben organisieren soll, dann ist hier Handlungsbedarf. Aber welcher?

Immerwährende Normalzeit

Der Verfasser dieser Zeilen gehört zu den Frühaufstehern. Aber selbst für diese ist ein Sonnenaufgang gegen 4 Uhr früh etwas zu früh – (cum grano salis) niemand hat etwas davon. Aber schade ist es, wenn es abends früh dunkel wird. Im Straßencafé zu sitzen, mit dem bißchen Hund raus zu gehen, hierhin oder dorthin unterwegs zu sein, ist bei Helligkeit doch deutlich angenehmer als in Dunkelheit. Es ist schön, wenn es abends länger hell ist, und jeder kann die lichte Zeit nutzen. Und um das Argument der Gesundheit nicht zu vergessen: Bei Dunkelheit passieren mehr Unfälle als bei Helligkeit (hier sind vielleicht auch die nicht immer beleuchteten Radler dabei), und da abends die Menschen aus den verschiedensten Gründen unterwegs sind, ist der Verkehr hier auch stärker als nachts. Also: abends länger Helligkeit = relativ weniger Unfälle.

Ich weigere mich auch zu glauben, daß diese eine Stunde Rhythmusänderung so schwer zu stemmen sei. Obwohl auch schon nicht mehr allem möglichen gegenüber so unempfindlich wie einst, kann ich weder bei mir noch in meinem Umfeld ein Problem durch die Umstellung feststellen. Jeder schläft mal länger und mal kürzer, sei es durch den Terminkalender bedingt oder durch das individuelle Schlafbedürfnis oder was auch immer. Natürlich sagt diese Erkenntnis mehr über mich selbst aus als über die objektive Sachlage, aber im Übrigen gilt das Vorgesagte: Es ist zumutbar, und es ist lohnend.

Der Vorteil, wenn es im Sommer morgens, wenn (fast) alle schlafen, hell wird, aber abends, wenn viele unterwegs ist, bereits dunkel wird, ist: keiner.

Immerwährende Sommerzeit

Hier gelten – mit anderem Vorzeichen, freilich – die gleichen Argumente wie für die immerwährende Normalzeit: Es ist nicht so klug, wenn es im Winter erst gegen 9 Uhr hell wird.

Normalzeit im Winter, Sommerzeit im Sommer

So, wie es ist, ist es gut. Hier muß ich nicht meinen alten, konservativen Knochenapparat bemühen – etwa nach dem Motto, was schon „immer“ so war, soll für immer so bleiben; das ist noch nie ein Argument gewesen und wird niemals eines werden (Feingeister mögen das angedeutete Paradoxon oder die contradictio in re bemerken).

Es sind sachliche Gründe, die für die allermeisten Menschen gelten. Zeit ist übrigens letztlich eine menschliche Übereinkunft, jedenfalls das Messen der Zeit. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, aus den astronomischen Abläufen etwas zu machen, was uns paßt. Und zu uns paßt. Nebenbei bemerkt: innerhalb der EU gelten die oben genannten Argumente je stärker, um so weiter südlicher wir uns befinden. In Rom (siehe Bild) wird es sommers im Abend noch deutlich früher dunkel als in unseren Breiten, und deswegen ist dort die Neigung zur Beibehaltung der jetzigen Regel stärker als bei uns.

Aber vor allem haben wir es hier mit einer Entscheidung zu tun, in der Vernunft – wie stets in der Politik – wichtiger ist als Gefühl. Gefühl ist als Movens der Politik unentbehrlich; als Grundlage von Entscheidungen taugt es weniger. Hier kommt es darauf an, die Argumente aufzunehmen und das Erkannte in eine richtige Politik umzusetzen.

Die Argumente sind für mich klar: Laßt mir meine Sommerzeit, wenn’s recht ist. Bittesehr.

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