Karl Marx hat Recht – oder: Ist Verkehr Krieg?

#1018

Der Konservative muß keine Sorge vor Karl Marx haben. Dieser – jedenfalls zum Teil – durchaus große Denker hat einige wahre Dinge erkannt; seine Beiträge zum Erkennen der Welt sind zahlreich und heute so allgegenwärtig, daß sie schon banal, ja: eine Binse sind. Etwa die Grundlage des nach Marx geformten dialektischen Materialismus, umgangssprachlich formuliert: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Wer würde dem ernsthaft widersprechen? Höchstens in Bezug auf die Ausschließlichkeit ist etwas Kritik angebracht, denn nicht jeder ist nur dazu in der Lage, die Welt aus seinem Blickwinkel zu betrachten, sondern vermag auch den Standpunkt eines anderen einzunehmen.

Aber natürlich ist es wahr, daß ein 16jähriger die Welt von einem anderen Standpunkt aus betrachtet als der 53jährige, der Mann anders als die Frau, der Arbeiter anders als der Hochschullehrer. Und so immer fort. Und zu guter Letzt: Der Autofahrer anders als der Radler, und beide wieder anders als der Fußgänger.

Wenn Politik (auch) der Versuch ist, menschliches Leben zu organisieren, und wenn wir auch noch darin übereinstimmen, daß gute Politik den Krieg zu vermeiden versucht, dann sollten wir über Nürnbergs Verkehrspolitik reden. Es finden sich zuhauf Indizien für die Annahme, daß zuweilen nicht der faire Ausgleich zwischen den Verkehrsteilnehmern gesucht wird, sondern das Aufeinanderhetzen. Das geht natürlich vor allem gegen den (Achtung, böse!) Autofahrer und für den (Achtung, gut!) Radfahrer. Die zu nennenden Beispiele kennt jeder; auf Anfrage liefere ich sie gerne nach.

Eines der Probleme dieser anödenden Lage rührt daher, daß die meisten von uns mal das eine und mal das andere sind. Wenn einer der Verkehrsteilnehmer mal eklatant bevorzugt wird, dann leidet der andere, ist gedemütigt und fühlt sich zurückgesetzt. Wer könnte sich des Eindrucks erwehren, daß das in einem Falle – dem des Autofahrers – gewollt ist?

Aber auch andersherum kann es gehen. Immer öfter wird der Radfahrer – und erst recht der elektrisierte – zur Gefahr für andere.

Bei uns vor’m Haus fahren Radler gerne auf dem Bürgersteig. In gewisser Weise kann ich es verstehen, denn die viel befahrene Straße davor lädt wirklich nicht zum Radeln ein. Aber andererseits vermag ich es nicht zu verstehen: hinter dem Haus verläuft parallel eine absolut ruhige Straße, verkehrsberuhigt und geschätzt unter zehn Autos pro Stunde, und da radelt kein Mensch. Na gut, möchte man meinen, wenn die lieber vorne auf dem Bürgersteig entlang fahren, damit sie jeder sieht und bewundert und bestaunt… Aber so einfach ist es nicht. Aus den Grundstücksausgängen  kommen Menschen, da kommen Kinder, da kommen Hunde auf den Bürgersteig gelaufen. Kein Radler hätte auch nur die Möglichkeit, rechtzeitig zu bremsen.

Glauben Sie, daß auch nur ein Radler, den ich darauf angesprochen habe, einsichtig reagiert hätte? Nein. „Auf der Straße isses zu gefährlich, und ich fahre ja langsam“. Ach, Quatsch mit Sauce.

Dieses Verhalten ist typisch für eine Zeit, in der der ungebremste Egoismus sein Wollen fordert. „Ich, ich ich!“ schreit es aus dem Egoisten heraus. ICH will fahren, will radfahren. ICH fahre auf dem Bürgersteig. ICH fahre schnell, denn so mag ICH es. ICH leugne die Gefahr, die für andere davon ausgeht, und überhaupt: ICH kann doch gar nichts böses tun, denn als Radler bin ICH von Hause aus der Gute. So geht Hybris im 21. Jahrhundert – mit freundlicher Unterstützung des Verkehrsplaners.

Übrigens hatte Karl Marx wenn, dann mit der Diagnose Recht – ganz gewiß nicht mit der Therapie. Und letzteres gilt auch für diejenigen, die solche Verkehrssituationen zulassen, in die Tat umsetzen und – koste es, was es wolle – auf den eigenen Vorteil bedacht sind.

Wir brauchen ein Miteinander. Niemand hat das Recht, die eigenen Wünsche über die der anderen zu erheben. Lebensentwürfe sind genau so frei wie die Wahl des Verkehrsmittels. Und die Wahl des anderen muß ich ebenso akzeptieren wie er meine Wahl akzeptieren muß. Tolerant bin ich nicht dann, wenn der andere tut, was ich mir als Ideal vorstelle – sondern wenn ich ertrage, was er für sich entscheidet. Und dabei darf er mir zumutbares zumuten. Aber eben auch nicht mehr.

 

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