Die Inquisition ist wieder da.

#1015

Es gibt Weisheiten, die sind zwar wahr, aber gleichzeitig unglaublich öde. Wie etwa „die Kinder sind unsere Zukunft“. Wer würde das für falsch halten? Wobei – ein bißchen falsch ist es schon: die Kinder sind nicht unsere, sondern sie sind ihre eigene Zukunft.

Und es gibt gefühlte Wahrheiten, die überhaupt nicht wahr sind – aber wehe, man stellt sie in Frage. Dann bekommt man aber Ärger! Die Liste der gefühlten Wahrheiten ist lange. In Deutschland sind besonders folgende gefühlte Wahrheiten wahr:

Kernkraftwerke sind böse [lieber gleich „Atomkraftwerke“ genannt – das assoziiert die Atombombe und erfüllt deshalb sprachlich einen guten Zweck (zu Zweck: siehe unten)]. So sind zwar in Fukushima etwa 0 Menschen durch die Zerstörung des Kernkraftwerkes gestorben und etwa 20.000 durch den Tsunami, der alles auslöste – aber das Meer konnte man ja schlecht verbieten. Und so beschloß die Bundesregierung, recht schnell und ohne sachliche, aber mit viel gefühlter Not, den Ausstieg aus der Kernenergie.

Der Zweck heiligt die Mittel. Besonders dann, wenn es ein besonders guter Zweck ist. Darunter fällt eine Erdmutter-Gaia-Ersatzreligion, die sich für „umweltbewußt“ hält und den Menschen als Störfaktor begreift, oder das Verliebtsein in jede Minderheit,  – und beispielsweise auch der Wahn mancher, tote Juden zu betrauern und lebende Juden, besonders wenn sie sich für den Staat Israel einsetzen, zu bekämpfen.

Kinder an die Macht! Das richtige daran erkennen wir daran, wenn wir krank sind (denn dann gehen wir zum Kinde statt zum Arzt), wenn wir rechtlichen Rat brauchen (denn dann gehen wir zum Klassensprecher der 7b statt zum Rechtsanwalt), deswegen dürfen Kinder wählen und autofahren und und. Der wahre Kern von det Janze – daß Kinder in ihren guten Stunden unfaßbar lieb, unverstellt, geradlinig, selbstlos sein können – wird ja nicht bestritten. Aber das befähigt eben nicht zur Führung einer Bewegung oder Nation oder was auch immer. Das befähigt zum Liebgehabtwerden, zum Bekümmertwerden und derlei mehr. Und zum, meinetwegen, Bedauern, daß man viele dieser Eigenschaften verliert, wenn man älter wird. Aber das ist ja nicht die alleinige Rechnung – schließlich kommt auch vieles hinzu. Es ist ein wenig wie die Begeisterung, die manche Menschen befällt, wenn sie von einem zurückgezogenen Eingeborenenstamm am anderen Ende der Welt hören. Da geht mit manchen die Verzückung durch und sie begeistern sich für das ruhige, auf sich selbst konzentrierte Leben. Dabei aber vergessen sie, daß in diesen kleinen Gruppen die (für uns) läppischsten Krankheiten tödlich sein können. Daß sie oft streng hierarchisch gegliedert sind und niemand außer dem Chef so etwas wie eine eigene Meinung erlauben darf. Sie vergessen, daß die Hälfte der Menschen, meistens die Frauen, nicht viel mehr als leben dürfen, während die andere Hälfte alle Rechte hat. Sie vergessen die Mühsal und die Not. Und sind so eine Beschreibung des traurigen Zustands unserer Welt, in der auch viele die Errungenschaften und den Wohlstand als gegeben hinnehmen und für selbstverständlich erachten, um im gleichen Atemzug gegen dessen Grundlagen zu hetzen (die Rede ist etwa von der m.E. nicht verantwortbaren Hetze gegen den Diesel).

Den Höhepunkt erreicht Katrin Göring-Eckhardt: Sie verglich Greta Thunberg mit dem (ersten) Propheten Amos. Das ist doch in der Tat erstaunlich.

Am erstaunlichsten aber ist, daß wir als erwachsene, mündige Bürger in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung es hinnehmen, das man gegen solche Bevormundung, ja: Entmündigung insbesondere des Denkens nichts sagen darf, will man nicht geschmäht werden.

Und ich dachte stets, wir hätten die Aufklärung schon hinter uns.

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