Fair. Und unfair.

#1014

Stellen wir uns eine Stadt vor, die von ihren Erbauern „autogerecht“ erdacht wurde. Breiteste Straßen, große und viele Parkplätze, Tempo 70 als Norm, über die Straßen hetzende Fußgänger, keiner, der wagemutig genug wäre, sich hier mit dem Fahrrad entlang zu trauen. Will man das?

Machen wir das Gegenexperiment. Stellen wir uns eine Stadt vor, die ohne Auto – sagen wir: den individualisierten Verkehr – auskommen will. Tempo 30 aller Ortens, rote Welle – nur – für Pkw., auch Hauptverkehrsstraßen nur einspurig, Fahrradstreifen in königlichem Rot und breit für drei Fahrradfahrer nebeneinander, und 750 m um jede Schule, um jedes Altersheim, um jeden Kindergarten, um jede Seniorenberatungsstelle herum nur noch Tempo 10. Also beinahe überall.

Beides wird keiner wollen.

Beim Verkehr leben wir von und mit dessen Verschiedenheit. Und wir sind verschieden. Nicht jeder kann und will mit dem Bus fahren. Wenn man zwei Kinder dabei hat, ist das eine ganz andere Form von Streß als Autofahren. Wenn man Einkäufe zu schleppen hat, wenn es regnet, wenn man nicht in die Nähe von Haltestellen oder nicht x-mal umsteigen will, wenn man gerade Liebeskummer hat und weint oder wenn man die Gerüche anderer Menschen gerade mal nicht erträgt, wenn man – Achtung! – frei sein will.

Warum soll all das schlecht sein? Das hat noch niemand erklären können. Das Recht auf individuelle Entscheidungen zu nehmen und dadurch zu ersetzen, daß es heißt: der Staat hat für dich entschieden – das ist nicht die Welt, in der wir leben wollen. Wir wollen selbst entscheiden, was wir essen, wie wir glauben, was wir arbeiten, wen wir lieben, wie wir uns bewegen, wen wir wählen, was wir lesen, wohin wir reisen und so weiter.

Um in diesen Entscheidungen frei zu sein, braucht es Fairness. Fairness heißt, daß ich mir – fair – alles mögliche zum Essen und Trinken aussuchen kann, daß ich meine Religion selbst bestimmen kann, daß ich meinen Beruf selbst suchen kann und er mir nicht verordnet wird, daß ich wählen kann, wen ich will und auch ohne Nachteil wählen kann, ob ich mein Kind in die Kita geben oder zuhause haben will.

So, und nur so, kann Verkehr richtig geregelt werden: fair. Es braucht Platz für Radfahrer (und vielleicht einmal eine Überlegung, wie man leider allzu viele von ihnen von Rüpeln gegenüber Fußgängern zu anständigen Verkehrsteilnehmern macht) und Fußgänger, für Lkw. und Pkw.

Es braucht keine absurde Bevorzugung, die Ampeln so schaltet, daß 30 Autos drei Minuten stehen, damit ein mit zwei Personen besetzter Bus durchfahren kann. Das Ausspielen der Verkehrsteilnehmer gegeneinander ist unfair, falsch  und verursacht Streß. Richtig organisiert und geplant, ohne dem anderen etwas über Gebühr aufzuerlegen, funktioniert Verkehr gut.

Aber der ÖPNV wird nicht besser, indem man den Menschen den Spaß am Autofahren verleidet. Radfahren bei Sturm und Schnee wird nicht schöner, indem ich die Höchstgeschwindigkeit immer weiter herabsetze und unnütze Blockaden baue.

Für mich habe ich erkannt, daß bei Tageslicht U-Bahnfahren dem Autofahren oft vorzuziehen ist, wenn es in die Innenstadt geht, beispielsweise. Nachts allerdings schon nicht mehr. Wer um 22 Uhr mal am U-Bahnhof Plärrer umsteigen mußte, weiß von der Tristesse Nürnberger U-Bahnhöfe und dem dortigen Unwohlsein zu sprechen.

Aber wer nimmt denn schon freiwillig den Bus? Das tut eigentlich niemand, zu nervig und unbequem und langsam. Wer einmal in der Kilianstraße hinter einem VAG-Bus hergefahren ist, von der Bayreuther Straße bis zum TeVi, und dieser Bus fuhr mit 30, obwohl 50 erlaubt ist, und an Haltestellen konnte man nicht überholen, weil Buchten ja irgendwem (wem?) unzumutbar sind, und wer dann im Rückspiegel noch den Stau sah – der wird kein übermäßiger Freund solcher sinnlosen „Bevorzugung“ sein, die keine ist, sondern nur anderen schadet und einen merkwürdig spießig-humorlosen, erigierten Zeigefinger erhebt.

Auf den Straßen herrscht Krieg, möchte man meinen. Früher war es der Krieg der Autofahrer untereinander. Heute ist es der Krieg der verschiedenen Verkehrsteilnehmer gegeneinander. Schnelle Fußgänger gegen Flanierer und Kinderwagenschieber gegen alle, Radfahrer gegen Fußgänger, Autos gegen Radfahrer (vor allem im fließenden Verkehr), Radfahrer gegen Autos (vor allem an Ampeln und Kreuzungen). Alles übertroffen von besorgten Muttis und Vatis in neongelber, „Wichtig“-schreiender Weste und so kleinen Abfahrtskellen in der Hand, wie wir sie von 45 Jahren zum „Bundesbahn“-Spielen bekamen – da fehlt nur noch der Fahrkartenknipser. Aber auch das kennt noch ein „es geht noch besser!“: Wenn der zuckelige VAG-Bus vorbeikommt, dann müssen alle stramm stehen und das gemütliche Vorbeitrudeln jener die Welt besser machenden Fahrzeuge bestaunen, am besten mit Hand am Herz. Aber hurtig auf die Seite, wenn alle Ampeln auf Rot gehen: dann kommt die Feuerwehr!

Richtig verstehen, bitte: Es ist nichts gegen eine grüne Welle für die Feuerwehr im Einsatz zu sagen; ganz im Gegenteil. Das ist gut und richtig. Aber wer mir erklärt, daß das für den Ampelrechner kein Problem sei, der biete mir bitte nicht die Behauptung an, daß der gleiche Ampelrechner zu blöde sei, um – beispielsweise – von der Nürnberger Versicherung bis zum Ende des Wöhrder Sees ein Durchfahren auf der Hauptverkehrsstraße zu ermöglichen.

Hier passiert viel Falsches. Und es passiert mit falscher Attitüde. Denn schlecht macht es der, der jene für lieb und andere für böse erklärt.

Denn ein jeglicher hat sein Recht, und gut macht es der, der alle miteinander auszusöhnen sucht.

Und übrigens und nur nebenbei und vielleicht ein bißchen gegen den Zeitgeist: Der Staat ist keine moralische Besserungsanstalt, kein Lehrmeister und keine „ich weiß, was gut für Dich ist“-Institution. Der Staat organisiert das menschliche Zusammenleben und kommt den Willen seiner Bürger nach. Nicht umgekehrt.

 

Zwei Fußnoten:
(1) „Königliches Rot“: Die in der Farbe rot asphaltierten Radwege haben ihr Vorbild in den Straßen der Queen in London, die zur Unterscheidung von normalen öffentlichen Straßen ebenfalls in rot asphaltiert sind.
(2) Es fährt kein Bus die ganze Kilianstraße entlang, aber einer biegt von der Kilian in den Schleifweg ein, und ein anderer kommt vom Schleifweg und fährt die Kilian in gleicher (West-) Richtung weiter, so daß man zwar erst hinter dem einen und dann hinter dem anderen Bus, aber immer hinter einem Bus her fährt.

 

 

Werbeanzeigen