Nur die halbe Geschichte?

#1006 Dienstagabend. Gutmann (Wanner) am Dutzendteich. Rappelvoll im großen Saal. „NN-Talk“. Buntes Publikum aus ganz Nürnberg. Markus Söder stellt sich zwei Stunden lang den Fragen der beiden designierten NN-Chefredakteure Alexander Jungkunz und Michael Husarek.

Der Abend ist ein Gewinn – auch für jemanden, der den Söder gelegentlich schon mal erlebt hat. Man stieß sich etwas aneinander; die beiden Herren von den NN sind nicht von Haus aus die größten Fans von Markus Söder. Und Markus Söder nicht der eifrigste Bewunderer des Blatts. Obwohl er auch sagte, daß das mit der unfairen Berichterstattung in den letzten Jahren deutlich besser geworden sei, und den beiden Redakteuren auch persönlich Anerkennung zollt.

Übrigens hat es nicht nur dabei sein Bewenden. Söder drückt auch seinen Respekt vor dem Nürnberger Oberbürgermeister Uli Maly (SPD) aus: „Zwei starke Nürnberger…“ Das ist nicht nur nicht falsch, sondern für einen, der auch Parteipolitiker ist, nie so ganz leicht.

Söder ist an diesem Abend ab und zu witzig, ab und zu ernst, ab und zu etwas zurückhaltend und ab und zu etwas angriffslustig: je nach Thema, je nach Situation. Er läßt sich nichts zur Nachfolgedebatte entlocken. Bezüglich der Uni auf AEG läßt er sich entlocken, daß er als Finanzminister des Freistaats keine Mondpreise für das Gelände bezahlen wird. Andererseits verweist gerade mit Blick auf diese Haltung auf die Erfolge Bayerns in der Finanzpolitik, an denen er als Finanzminister nicht völlig unbeteiligt ist.

Aber wenn ein unbefangener Mensch heute Zeitung liest – beide Nürnberger Lokalblätter –, dann findet er eine merkwürdige Beschreibung des Abends. Die Berichterstattung scheint einen völlig anderen Abend zu beschreiben. Die intellektuelle Wachheit Söders wird darin merkwürdigerweise nicht erwähnt. Ein Beispiel: Die NN-Redakteure warfen ihm in einer Frage vor, daß er sogar seinen neuen Hund in Facebook & Co. vermarktet. Söder meint, noch eher gelangweilt, daß er das halt so mache, weil er Hunde möge und die Leute nicht dauernd nun ernsteste Politik sehen wollen; außerdem könne jeder, dem das nicht gefalle, weiterblättern. Dann fragt er die NN-Redakteure zurück, ob sie denn Haustiere hätten. „Nein“, sagt einer, „aber sechs Kinder“. In Söders Augen funkelt es: „Wenn ich das gesagt hätte, wäre aber morgen die Hölle los.“ – Der Saal bebt vor Lachen.

Oder der Besuch in der Grabeskirche in Jerusalem vor kurzem: Dort entstand ein Bild, das Söder kniend und betend zeigt. Ihm wird das Bild als ein Zuviel an Selbstvermarktung vorgeworfen. Er weist nicht nur darauf hin, daß er – 194 cm – dort knien mußte („Sonst wäre in der Zeitung gestanden: ‚Söder beschädigt Grabeskirche'“), sondern auch darauf, daß eben jener Redakteur, der ihm das öffentliche Beten vorwarf, selbst als Mitglied der Synode auch öffentlich betet. Wozu man in der Synode auch aufrufe.

In den NN findet sich eine Andeutung, daß die CSU quasi hinterrücks das Publikum im Saal stellte. Das ist nicht wahr. Bis auf eine Handvoll „vom engeren Kreis“, die mit einer einzigen Kartenbestellung quasi öffentlich ihre Karten kauften, waren nur NN-Leser da, die auf die Ankündigung der NN hin Karten holten und mit der CSU nichts zu tun haben. Der Verfasser dieser Zeilen vermag das zu beurteilen, weil er, von sogenannten Karteileichen abgesehen, die meisten CSUler Nürnbergs kennen dürfte. Man erkennt das auch übrigens schon daran, daß der normale CSUler sonst nicht 7 € bezahlen muß, um Markus Söder zu sehen.

Übrigens waren das keineswegs hausgemachte Söder-Fans. Viele klatschten dem Politiker Markus Söder kaum, weil sie halt seine Politik nicht mögen. Gut, das gehört dazu. Aber sie lachten mit, und räumten ein, daß er sich großartig geschlagen habe an diesem Abend.

Als die Fragerunde kam und jeder aus dem Publikum seine Fragen stellen konnte, waren am Anfang nur solche dabei, die geradezu Steilvorlagen waren. Mehrfach wurde zu kritischen Fragen aufgefordert, und als dann keine kamen, mußte der arme Redakteur, der durch diesen Teil des Abends führte, auf vorher eingesandte Fragen zurückgreifen. Wobei es kaum so war, daß alle plötzlich Söder liebten – sondern eher so, daß auch der gestandene Sozialdemokrat im Publikum erkannte, daß es schwer werden würde, gegen diesen Söder zu bestehen.

Die Berichterstattung über diesen Abend ist, Wort für Wort genommen, nicht falsch. Und doch zeichnet sie nicht das Bild des Abends, das ich wahrgenommen habe. Für viele Menschen, die immer noch sein altes Generalsekretärs-Verhalten für sein Image halten, mag interessant gewesen sein, wie nachdenklich und abwägend er sich zeigte. Aber auch für die, die ihn öfter sehen, dürfte gelten: einer der besten Auftritte, die er je hatte.

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