Zwei Wirklichkeiten

#1002 Im schönen Monat September war’s und im Jahre 2014, da wurde im Dörflein Erlabrunn eine vegane Kirchweih abgehalten. Nun, so ganz furchtbar vegan war sie doch nicht: immerhin gab es Karpfen. Es war also eher eine tierisch vegane Kirchweih, sozusagen.

Und es troff aus dem Papier der Zeitungen geradezu der Schaum der Begeisterung über diesen Zeitgeistsuperlativ: Eine vegane Kärwa, sozusagen Kalifornien (veganes Zentrum) und Mittelfranken (Erlabrunn) vereint. Gutmenschen gegen böse Tieresser. Fehlt nur noch, daß die mit einem Federbusch vor sich auf dem Asphalt wedeln, um beim Gehen keine Kleinstlebewesen zu zertreten. Ja, da war die Begeisterung eine tolle. Vor allem, wenn man sich nach dem vielumjubelten Veganfood und dem enttäuscht zurückbleibenden Magen, der mit lauter Quark vollgestopft wurde, aber unbefriedigt blieb, über einen guten, gebackenen Karpfen hermachen konnte.

Aber ach, als die Kärwa dann stattfand, da war die Berichterstattung gar nicht mehr so toll. Und im Jahr 2015 habe zumindest ich gar keine mehr mitbekommen. Ob man das Experiment wohl aufgegeben hat? Im Veranstaltungskalender von Erlabrunn steht noch nichts von der Kärwa, denn bis dahin reicht der Kalender noch nicht.

Aber heute, in den NN, da steht auf Seite 1 mit Bild, daß es am 8. Mai den immerhin schon sechsten „Fränkischen Bratwurstgipfel“ in  Pegnitz geben wird, und daß 20.000 (!) Besucher erwartet werden, an einem einzigen Tag. Pardautz.

Und wieder kehren die Gedanken an die Tagespresse zurück. Da wird die Eröffnung eines Lokals stets bejubelt, wenn es irgendwie hip, vegan oder selbstgemacht ist. Ahnung muß man nicht viel haben, ja, die Zeitung jubelt sogar, wenn man keine hat, denn das sei so authentisch. Daß es vor allem stümperhaft ist, schreibt sie nicht.

Wer würde denn schon sein Auto in eine Werkstatt bringen, die von Handarbeitslehrerinnen betrieben wird? Niemand, und die Zeitung würde einem das auch nicht empfehlen. Hoffe ich mal. Aber seinen Magen, den kann man schon irgendwohin bringen, wo vor allem guter Wille vorhanden ist.

Wenn irgendwo ein veganes Lokal (eigentlich sind diese Worte schon ein Widerspruch in sich selbst) aufmacht, dann berichtet die Zeitung, groß, möglichst mit Bild. Einmal abgesehen von der Neueröffnung eines ebenfalls hippen Fleisch- und Bierlokals im Norden berichtet die Zeitung vor allem über eine von ihr bejubelte Wirklichkeit: vegane Imbisse, vegane Lokale, bla bla blupp. Aber die Zeitung berichtet nicht wirklich, wenn diese Lokale wieder schließen müssen – weil nämlich nur ein Bruchteil der Menschen solchen Flagellantismus vorzuweisen hat, daß sie derlei erträgt und auch noch Geld dafür bezahlt.

Es ist diese Wahrnehmung der Realität, die ärgert. Daß man etwa in der vielleicht berühmtesten Bratwurstküche der Welt an jenen Tagen, an denen es auch Schäufele gibt, besser vor 12 Uhr mittags eines bestellen sollte, weil man sonst keines kriegt: das wird nicht berichtet. Vegan! Juhu! Oder daß doch beinahe jeder Gast in einem Lokal zum Spargel fränkische Bratwürste ißt oder Schinken oder ein Kalbsschnitzel und eben nicht den „Brätling“ aus „Seitan“-Pampe – das wird natürlich nicht so sehr erwähnt.

Lebte man auf einer einsamen Insel und könnte via iPad täglich die Zeitung lesen, machte man sich von der Wirklichkeit ein anderes Bild. Dieses ist nicht falsch – aber doch verschoben. Was aber daran am meisten stört, ist, daß die Zeitung oft nicht versucht, Bericht zu erstatten, sondern Wirklichkeit zu machen. Das wäre doch einmal ein interessanter Ansatz für eine Frage, die man an jeden Artikel, an jede Überschrift, an jede Bildauswahl stellen könnte: Bildet das die Wirklichkeit in ihren Proportionen getreu ab? Oder versucht es, Wirklichkeit zu schaffen?

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