„Mögest du in spannenden Zeiten leben“…

#997 …so lautet ein chinesischer Fluch. Denn es sind die ruhigen, die guten Zeiten, die uns auch als langweilig erscheinen können, und es sind die spannenden Zeiten, die zugleich die gefährlichen und schlechten Zeiten sind.

Allüberall bröckelt es und bröselt es. Die Zeit der politischen Gewißheiten ist derzeit nicht. Aus einem (freilich auch meistens nicht sehr klugen) „dann geh doch rüber!“ ist ein blödes, ödes „so schlimm war doch die DDR nicht“ geworden, und kaum einer regt sich noch auf angesichts dieses schlimmen Geredes. Aus der Tatsache, daß ein sozialdemokratischer Kanzler mit Unterstützung der Union (weniger seiner SPD) den NATO-Doppelbeschluß vollzog, folgt heute die Tatsache einer CDU-Bundeskanzlerin, die vor einem mörderischen Despoten in Ankara nicht wirklich aufrecht steht. Es ist an vielen Topoi festzumachen, daß Jüngers These, jede Generation bräuchte die Umwälzung der Verhältnisse, nicht ganz falsch ist. Und dann kommt, wie zum Zeichen der Wahrheit dieser Gedanken, zweierlei hoch.

Oliver Kalkofe und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sind sich bei Maybritt Illner ziemlich einig. Mancher mag sich fragen wie das ein kann: Das enfant terrible der deutschen Fernsehunterhaltung und der Generalsekretär dieser bayerischen Partei? Dabei ist das, bei Licht betrachtet, nicht sehr verwunderlich. Die Grenze nämlich verläuft manchmal nicht so sehr zwischen rechts und links, sondern zwischen geistreich und geistlos. Menschen mit Grundsätzen und Werten finden eben öfter zueinander als solche, die keine wirkliche Wertekultur haben. Vielleicht würden Kalkofe und Scheuer in den Details verschiedener Meinung sein – aber im Grundsatz dessen, welches unsere Freiheiten und unsere Werte sind, sind sie eben näher beieinander. Die Libertas Bavariae und die süffisante Spöttelei des Oliver Kalkofe bedingen einander.

Kein deutscher Politiker wird zum Vortrag Böhmermanns sagen, daß der unbedingt an der deutschen Botschaft in der Türkei im Schaufenster auf Endlosschleife zu sehen sein muß. Natürlich hat die Bundesregierung sich von derlei fernzuhalten; solche Sottisen haben in der Politik, der Außenpolitik gar, nichts zu suchen. Aber Böhmermann ist kein Beamter des Auswärtigen Amtes; er kann tun und lassen, was er will. Und die Bundeskanzlerin hat ihm gefälligst keine Grenzen aufzuzeigen; das tut, wenn überhaupt, ein Gericht – und Gesetze hat er wohl nicht verletzt; aber das braucht hier nicht beurteilt zu werden. Es ist jedenfalls nicht Angelegenheit der Bundeskanzlerin. Und schon gar nicht dieser Type gegenüber. Hier ist etwas im Grundsatze falsch, und es sollte ihr doch gesagt werden.

Ein ganz anderes Thema, aber in manchen Bezügen parallel, ist der ans Groteske mahnende Realitätsverlust des französischen Präsidenten François Hollande. Der war gestern zu einer Art Bürgerdialog im Fernsehen. Und obwohl derlei halbwegs gut vorbereitet wird, ging es so etwas von schief, daß Holland sich eigentlich zum Schämen in die Ecke stellen müßte.

Wir reden nicht so sehr von der Unternehmerin, die Leute einstellen wollte und sich bei Hollande beklagt, daß das mit so vielen Problemen behaftet sei. Der ist sich nicht zu blöde, ihr bürokratische Hilfen anzubieten, wo es doch dieser Dame darum geht, daß es weniger Bürokratie geben solle. Wir reden auch nicht vom Busfahrer aus Nordfrankreich, der den rechtsextremen Front National wählte und Hollande erklärte, daß er dies aus einem Gefühl der Frustration heraus getan habe – und der mehr als deutlich merken ließ, daß er durchaus bereit sei, in das Lager der Demokraten zurückzukehren, wenn er von dort irgendwelche Lösungen, wenigstens Lösungsversuche aufgezeigt bekomme. Und was passiert? Hollande dröhnt ihn mit dem nichtssagendsten Gewäsch zu, das man sich nur denken kann. Und wieder hat einer, der nicht sieht, was die Menschen bewegt, den rechtsextremen Menschenfängern nicht nur keinen entrissen, sondern weitere zugeführt. Knapp 90 % der Franzosen lehnen eine erneute Kandidatur Hollandes ab; man wundert sich höchstens, warum der Wert nicht noch höher ist. Als dann aber Hollande, auf die Flüchtlingspolitik Merkels angesprochen, ernsthaft sagt, daß die Politik der Bundeskanzlerin auch die seine sei, fragt die Moderatorin dazwischen, ob das ein Witz sei. So sind die Verhältnisse in einem Land, das danieder geht. Wenn wir nach Frankreich sehen, dann sehen wir, daß es noch weitaus schlimmer sein kann. Aber ist das ein Trost?

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