Zwei Seiten nur? Zwei Seiten!

#996  Der Mensch braucht Rituale. Sie erleichtern ihm nicht nur das zu tun, was er tun muß oder tun will; sie machen ihn aus und prägen ihn. Er drückt sich damit aus und zugleich prägt es ihn. Rituale gibt es im Großen und im Kleinen.

So sind etwa Gedenkfeiern an einem Jahrestag ein oft geübtes Ritual. Oder Jubiläen oder Geburtstage. Auch kleine Sachen können Rituale sein. Rituale können als einengend erlebt werden oder als formgebend. Und Änderungen bei den Ritualen sind irritierend. Mindestens.

Ein Ritual, wenn man so will, ist die tägliche Zeitungslektüre. Hier soll jetzt nicht räsoniert werden, ob die immer Vergnügen bereitet, aber: sie gehört dazu. Es ist einerseits beinahe schon die Pflicht eines politisch engagierten Menschen, sich täglich mit Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung auseinanderzusetzen. Andererseits ist es auch beinahe schon eine Pflicht, sich über dieses und jenes in der Presseberichterstattung zu ärgern und dies auch laut zu sagen; nur so kommt Kritik auch wirklich an und kann wirken. Bei aller gelegentlich auch durchaus angemessenen Schimpfe: Brauchen tut man das schon. Wahrscheinlich gilt dies für beide Seiten: Wie öde wäre die eine oder andere Redaktionskonferenz bei NN oder NZ, wenn man sich nicht am Rande zuraunen könnte, was der Freud wieder für eine Frechheit geschrieben habe…

Rituale also werden gebraucht. Und nun ist etwas anders geworden. Seit der Verfasser dieser Zeilen denken kann, oder jedenfalls soweit er sich zurückerinnern kann (was nicht unbedingt das gleiche sein muß), begann der Lokalteil bei NN und NZ auf der neunten Seite. Der erste Teil – früher nur Politik, jetzt oft auch Feuilleton – umfaßte die ersten acht Seiten und, herrje, er war oft schon verteufelt knapp. Das Weltgeschehen ist eben etwas umfangreicher.

Aber jetzt kommt’s: Der Lokalteil beginnt in den heutigen Ausgaben beider Zeitungen auf Seite 7. Das sind zwei Seiten weniger im ersten Teil. Noch ist Näheres nicht bekannt: Vielleicht entfällt die (fast) ganzseitige Norma-Anzeige, die aus den acht Seiten sowieso nur sieben gemacht hat, und mit einer Umstellung von Inhalten könnte diese Änderung quasi ohne Auswirkung auf den Inhalt der Zeitung sein.

Zeitungen haben es heutzutage schwer. Sie sind im Vergleich zum omnipräsenten Internet langsamer und teurer. Andererseits aber sind sie überlegter, nicht so aus der Hüfte geschossen und konsistenter, konsequenter. Ob das jetzt in Nürnberg immer auf die gewünschte Art und Weise geschieht, ist eine andere Frage, aber natürlich brauchen wir ein starkes, selbständiges lokales Blatt. Ob das jetzt zu links und zu CSU-unfreundlich ist, soll bei der Frage, ob die Lokalzeitung eine wichtige Bedeutung für Nürnberg hat, einmal unberücksichtigt bleiben. Die Reduzierung des ersten Teils auf sieben Seiten – wenn sie denn überhaupt von Dauer ist – ist wie ein Menetekel an der Wand, das ein langsames Eingehen der Lokalpresse andeutet.

Zeitung gehört zur Lebensqualität dazu, und ganz besonders auch die Lokalpresse. Die oft gute, aber eben auch Prantl-hafte Süddeutsche Zeitung kann in Nürnberg nie und nimmer eine Lokalzeitung werden. Und kaum jemand hat die Zeit, tägliche die beste Tageszeitung der Welt, die Neue Zürcher Zeitung, zu lesen; und ihr Lokalteil ist nicht mit „Nürnberg“ überschrieben. Also bleibt nur eines: die vorhandene Lokalpresse zu stärken.

Der Verfasser dieser Zeilen ist nun nicht wirklich jeden Tag mit diesem Kommentar oder jener Meldung, die in Wahrheit wieder ein Kommentar ist, besonders glücklich. Aber das sind Meinungen, die erst durch die Zeitungslektüre entstehen können. Gäbe es die Zeitung nicht mehr, dann wäre das ein schwerer Verlust. Wenn also die Reduzierung der Seitenzahl ein Hinweis auf grundsätzliche Schwierigkeiten der Blätter sind, dann wird zur Unterstützung der Blätter aufgerufen: sie sind wichtig.

Wenn aber jetzt jemand glaubt, wegen dieses Plädoyers für NN/NZ würde der Untertitel dieses Blogs „Garantiert ohne Genehmigung der Nürnberger Nachrichten“ geändert werden, hat er sich getäuscht. 🙂

 

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