Leben oder Tod

#993 Es gibt Tage, da ist der Blutdruck schon auf der zweiten Seite der Nürnberger Nachrichten auf Hundertachtzig: „Die EU-Metropole [Brüssel] hat ihr Vertrauen in Politik und Ermittler verloren.“ Ach?

Zum einen darf angemerkt werden, daß es neben den inhaltlichen Fragen auch die stets spöttelnd-hämische Diktion ist, die ständig am „Vertrauen“ nagt. War es einst vor allem der Spiegel, der mit Süffisanz jedem, aber auch wirklich jedem Thema begegnete, so ist dies heute ein allgemeines Phänomen. Man kann das mögen (naja) oder auch nicht, aber man hat es nicht zu ignorieren. Es ist schon durchaus auch diese ewig neunmalkluge Attitüde, die Vertrauen kostet.

Aber natürlich ist es richtig, daß die schlechte Arbeit der belgischen Sicherheitsbehörden die Mordanschläge begünstigte und es ist wahr und schlimm, daß die Polizeien und Geheimdienste der EU weitaus besser kooperieren könnten, als sie es noch tun, und man darf schon fragen, wie nach den vielen Terroranschlägen auch in Europa oder vor der Tür – Türkei, Belgien, Türkei, Türkei, Türkei, Türkei, Türkei, Bosnien-Herzegovina, Türkei, Türkei, Belgien (Thalys-Zug), Türkei, Bosnien-Herzegovina, Brüssel (Jüdisches Museum), Bosnien-Herzegovina, Türkei, Norwegen, Deutschland, Bosnien-Herzegovina, Großbritannien usw. – die Kooperation der Geheimdienste tatsächlich noch nicht optimiert wurde. Insofern hat der Kommentator schon recht mit dem, was er fragt.

(Die Liste entstammt Wikipedia, und man darf sich schon wundern, wie sie aussieht…)

Aber er liegt ganz und gar falsch, wenn er das, was die Tätet tun mit einem lapidaren „der ganze Wahnsinn der Täter…“ abtut. Wir haben es nicht im Wahnsinn im klinischen Sinne zu tun, sondern wohl nur mit solchem, dessen Denken, dessen Motive sich von dem, was Menschen sonst denken, so weit unterscheidet, daß es nicht mehr erträglich ist und vor allem nicht mehr hingenommen werden kann.

Aber wenn dann dieser – neuen – Bedrohung wegen, die auch technisch neue Wege beschreitet, neue Fahndungsmöglichkeiten gefordert werden, dann will der feine Herr Kommentator davon nichts wissen. Und eben hier findet die intellektuelle Unredlichkeit statt. Es ist eben nicht wahr, daß es sich bei diesen miesen Mördern um eine Naturgewalt handelt, die man bedauernd zur Kenntnis zu nehmen hat wie etwa ein Erdbeben.

Es handelt sich um eine unkontrolliert ins Land kommende, ungehindert in der EU umherreisende terroristische Klasse, die vielleicht zahlenmäßig klein ist, aber äußerst wirkungsmächtig. Es traf Brüssel nicht, weil für eine dritte Terroraktion in Paris die Zeit fehlte, wie Detlef Drews in den NN heute schreibt – es traf Brüssel, weil diese Menschen morden wollen, weil jemand sie nach Brüssel gelassen oder wir sie hier sich selbst und dem Islamismus überlassen haben. Die Ursache des Terrors in Brüssel ist der islamistische Terror. Die Tatsache, daß es Brüssel statt Paris traf, ist banale Taktik, also Kleinkram – und keine Frage der Strategie, also der großen, grundsätzlichen Fragen.

Die Strategie des IS und wie diese Feinde der Menschheit sich auch immer nennen mögen, ist, unsere Art zu Leben und eben auch unser Leben selbst für ihre perversen Gelüste in die Gewalt zu bekommen. Die Aufgabe von Polizei und Geheimdienst ist es, dies zu verhindern. Und wenn dazu angesichts neuer Bedrohungen mit neuen Mitteln auch neue Werkzeuge nötig sind, dann sollen sie nicht von vornherein abgelehnt, sondern geprüft und, falls geeignet, auch erlaubt werden. Die Frage ist ja nicht „Mehr staatliche Repression oder nicht?“, sondern „Leben oder Tod?“.

 

Bild: Accountalive, Bauwerk: Ingenieur André Waterkeyn (1917–2005), Architekten André und Jean Polak (André: 1914–1988, Jean: 1920–2012) – © CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=6596403

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