Von der Lust des Herrschens

#989 Wenn man jung ist, fünf Jahre oder so, dann kommen erste Ahnungen davon, was „herrschen“ heißt. Beispielsweise, wenn ein Dreikäsehoch Polizist werden will und sich darauf berauscht, was er dann alles machen darf. Oder wenn man ein wenig älter wird, aber nur ein klein wenig, und sich ausmalt, herrschen wäre so etwas wie im vorrevolutionären Frankreich: „l’état c’est moi“ oder: „Der Staat bin ich“. So etwa mag sich Bürgermeister Christian Vogel von der SPD gefühlt haben, als er die Polizei anwies, den Frankenschnellweg auf eine Spur zu verengen und dann – dichtzumachen. Damit – kein Spaß! – Studenten, um das schlechtdeutsche und inhaltlich falsche Krampfwort „Studierende“ zu vermeiden, die Autofahrer befragen können, woher sie kommen und wohin sie fahren. Wow. So also fühlt sich Macht an.

Was das für Möglichkeiten eröffnet! Schon beim morgendlichen Aufstehen: „Schatz, mach mir bitte das extra kraftvolle Müsli, heute ist Herrschen angesagt!“. Oder: „Platz da, hier kommt der Dichtmacher!“ als Autoaufkleber; wäre das nichts?

Jedem einzelnen mögen verschiedene Ideen einfallen, wie das auszunutzen wäre. Der eine läßt den Plärrer im Berufsverkehr sperren, weil er die Brezen-Kolb-Verkäuferin befragen möchte, ob die Brezen mit Butter oder die mit Butter und Schnittlauch besser gehen. Der andere hält jede U-Bahn am Hauptbahnhof an und befragt die Fahrgäste, von wo sie kommen und wohin sie fahren. Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

Um eines klar zu sagen: Die Daten, die hierbei gewonnen wurden, mögen für die von einigen Hinterwäldlern und Menschenfeinden immer noch wider die Vernunft angestrebte Verhinderung des Frankenschnellwegausbaus wichtig sein, um sie auch beim letzten Anschein einer vagen Idee eines schwachen Arguments zu widerlegen. Und es fällt mir auch in der Tat kein praktikabler anderer Weg ein, um an diese Daten zu kommen. Oder darf man eine Verkehrszählung mit Nummernschilderfassung machen? Verletzt das den Datenschutz? Das ist hier nicht bekannt, aber wäre der Eingriff wirklich geringer, als Tausende von Menschen in einen von der Polizei für einen doch wohl eher nicht vom Bayerischen Polizeiaufgabengesetz gebilligten Einsatz zu schicken, der ihnen Stunden und Stunden stiehlt?

Auch was drum herum geschieht, ist merkwürdig. Die gleiche Zeitung, die dafür ist, die Nationalität oder Ethnie von Menschen, über die etwa im Polizeibericht berichtet wird, nicht zu erwähnen, wenn es nichts aussagt oder aussagen soll, erwähnt natürlich die Autotypen der Befragten, wenn es um die Wiedergabe von Meinungen geht. Als ob die Meinung eines Autofahrers sowieso unbeachtlich wäre, wenn er keinen Audi A2 1.2 fährt. Aber Neid zu wecken anstatt auf die Möglichkeit des Erfolgs hinzuweisen, war schon seit jeher ein Merkmal unserer wichtigsten Lokalzeitung..

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