Geduld ist keine Schwäche und Lächeln keine Mäßigung

#988 Verhält sich jemand geduldig, abwartend und vielleicht gut zuredend, dann wird er behandelt wie die exaltierten Sonderangebotsdurchsagen im Supermarkt: Bestenfalls wird er zur Kenntnis genommen, aber beachtet wird er nicht. Wenn sich einer aber aufführt wie ein Berserker, dann wird er wahr- und ernstgenommen. Das ist ein merkwürdiges Ergebnis der Tatsache, daß Menschen vor allem lust- und angstgesteuert sind: Fast alles, was wir tun, tun wir entweder aus Lust oder aber eben aus dem Gegenteil davon: aus Angst. Auffällig daran ist, daß die Vernunft dabei keine so besonders große Rolle spielt: Der Mensch ist am Ende des Tages, wie eine schöne und wohl amerikanische Redewendung lautet, ein ziemlich emotionales, also: gefühlsbewegtes Etwas, das zur Vernunft ein eher distanziertes Verhältnis hat. Natürlich gilt das um so mehr, je mehr Menschen es sind: Der einzelne hat sehr wohl noch Zugriff zur Vernunft; bei einer Masse ist dies schon schwieriger. Vereinfacht gesagt: Beim Einzelnen besteht noch Hoffnung; bei der Masse nicht.

Dies ist ein ewiges Problem dessen, der sich an den einzelnen zu wenden vorgibt oder sich bemüht, realiter aber nach der Masse schielt. Was der kryptische Satz bedeutet? Nun, etwa folgendes: eine Zeitungsmeldung ist an den einzelnen Leser gerichtet, also quasi ein Monolog des Verfassers zum Leser, also gleichsam ein einseitiges Zwiegespräch. Darin dürften Verstand, Vernunft und ähnliche Lasten sehr wohl noch eine Rolle spielen. Aber ach, so ist es ja leider nicht. Eine Zeitungsmeldung ist sehr wohl auch an die Masse gerichtet, an die weniger mit Vernunft, Verstand, Ethik, Wissen herangegangen werden kann. Also schreibt die Nachrichtenagentur dpa – und die Nürnberger Nachrichten  drucken das auch noch ab –, daß Irans Präsident Hassan Ruhani als „moderat“ gilt.

Es ist halt irgendwie im Zeitgeist, den Herrn für „moderat“ zu halten; tun das nicht alle? Nein, das tut eigentlich niemand. Angefangen vom wissenschaftlichen Diskurs innerhalb der akademischen Welt wie der Politikwissenschaft über Aktionen, die sich gegen das iranische Streben nach der Atombombe richten bis hin zu den mindestens 977 Menschen, die letztes Jahr im Iran hingerichtet wurden – und zwar keineswegs wegen Tötungsdelikten und ähnlichem, wo weltweit über die Todesstrafe diskutiert wird, sondern wegen „Verbrechen“ gegen eine Religion – die einzige, die noch hinrichten läßt. Bevorzugt an Baukränen.

Natürlich wollen dann auch einige wissen, daß der Präsident dafür gar nichts könne; das seien irgendwelchen andere, bösen Kräfte. Einmal abgesehen davon, daß das nach „wenn das der Führer wüßte“ klingt: Einmal angenommen, es wäre so, daß der Präsident auf das enorme Anwachsen der Hinrichtungen aus religiösen „Gründen“ keinen Einfluß hat, und es ist nicht so, dann würde das doch aber gleichzeitig bedeuten, daß der Präsident ohnehin keine besondere Rolle spielt und es deswegen irrelevant ist, ob man ihn als „moderates“ Aushängeschild betrachtet.

Der Iran wird in seinem Streben nach der Atombombe ein klein wenig gebremst – aber eben nicht gehindert. Und ein Dilettant im Weißen Haus wähnt, dies sei ein Erfolg. An einem einfachen Beispiel sei erklärt, warum das kein Erfolg ist, was Obama da mit dem Iran-Deal ausverhandelt hat:

Vorstandssitzung eines Energieunternehmens. Das Wort hat das Vorstandsmitglied X; er sagt: „Wir müssen das Leitungsnetz erneuern; es wird marode“. Schweigen in der Runde. Der für die Finanzen des Unternehmens zuständige Vorstand fragt: „Was kostet uns das?“ Antwort: „Nach vorläufigen Schätzungen zwei Milliarden“. Entsetztes Schweigen. Jeder denkt sich, daß ihn das nichts angeht. Soll halt das Netz marode werden; wenn die Probleme auftreten, ist er ja schon in Rente. Ein anderer denkt an sein Gehalt, daß bei Unternehmensgewinnen steigt – und verspürt keine Lust, sich das durch vernünftige Entscheidungen senken zu lassen. Weil keiner von ihnen seiner Verantwortung gerecht wird, macht man eben nicht das Notwendige, sondern etwas, was heute nett ist – und was zwar morgen enorme Probleme macht, aber darum sollen sich dann andere kümmern.

So etwa ist auch der Umgang einer sich bei (noch) unklaren Sachverhalten wie den sogenannten „Panama papers“, die eher „files“ sind, gegenüber klaren Sachverhalten wie dem klerikal-faschistischen System des Iran, der ein Unterdrückungsregime mit wahnhaftem Sendungsbewußtsein und wichtigster Finanzier und Unterstützer des Terrorismus weltweit ist. Wir bejammern die Toten in Paris und Brüssel und feiern den Deal mit Iran? Ja, aber hallo, das ist doch dasselbe! Natürlich, Hassan Rohani lächelt zu dem Geschehen, und jetzt kommen irgendwelche „ich entschuldige alles“-Zeitgenossen daher, die uns ein „moderat“ einbleuen wollen. Rohani „moderat“ zu nennen, geht an der Wirklichkeit so etwas von vorbei, aber solch wohlfeile Tiraden kosten ja scheinbar nichts. Das Weltbild wird von der Werbung oder altlinken Phantasien gespeist, und was da nicht hinein paßt, wird schöngeredet oder ignoriert. Es sind diese Töne, die uns alle in den Schlamassel hineinreiten, und es werden die vielleicht langweiligen oder anstrengenden, aber richtigen Stimmen der Vernunft und der Stärke sein, die uns aus dieser Halluzination von Kuschelrock mit Massenmörder wieder herausholen werden.

Bild: https://parseundparse.wordpress.com/tag/iran-human-rights/

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