Was will Erdoğan?

#982 Schon vieles ist über diesen Herrn Erdoğan geschrieben worden, der beim Wahlsieg seiner Partei erst einmal nicht Präsident werden konnte, weil er wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation für öffentliche Ämter gesperrt war.

Er drangsaliert sein Land. Er unterdrückt die, die ihm nicht Hurra schreien. Er mißachtet Frauen. Er paktiert offen mit den übelsten Typen. Er gibt vor, den IS zu bekämpfen, und benutzt die Waffen, die ihm dafür gegeben werden, um nicht nur die terroristische PKK, sondern die Kurden an sich zu bekämpfen. Er führt die Türkei, die auf dem Weg in die Moderne war, in dunkelste Zeiten zurück. Er zeigt, welche Verachtung er für das Gesetz übrig hat, indem er es nicht achtet: von illegalen Palastbau angefangen. Er läßt Menschen zusammenkartätschen, als ob Leben nichts wert sei, wenn es ihm nicht huldigt. Dieser Mann ist eine Zumutung.

Nun lief im deutschen Fernsehen eine Satire, die Herrn Erdogan, ach herrjemine, nicht gefiel. Die Zeilen dieser Satire waren eher harmlos: „Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdoğan nicht passt, ist morgen schon im Knast.“ Oder: „Er lebt auf großem Fuß, der Protz vom Bosporus“. Das ist nun wirklich nicht besonders aufregend. Vermutlich hätten hier selbst die Herren Mielke und Honecker nur mit den Schultern gezuckt. Aber Erdoğan – der hat genug Peinlichkeit zur größtmöglichen eigenen Blamage, um deswegen allen Ernstes den deutschen Botschafter einzubestellen. Viel mehr Rumpelstilzchen geht nicht.

Aber wie immer, wenn solche Gestalten ruchbar werden, gibt es einen einfachen Weg, sie als das zu erkennen, was sie sind: der Blick auf ihre Doppelmoral, auf die Verlogenheit ihrer Positionen. Und das geht in diesem Falle so:

In der Türkei stehen derzeit zwei Journalisten wegen eines Artikels vor Gericht, in dem sie nichts Unwahres schrieben – aber etwas, was dem für sein Sendungsbewußtsein etwas zu klein geratenen Herrn nicht paßt. Ihnen droht tatsächlich eine lebenslange Freiheitsstrafe. Dieser Kerl schämt sich für nichts. Seine Regierung, die in die EU will und unter seiner Präsidentschaft von europäischen Werten – Jerusalem, Athen, Rom als geistige Heimat – so viel versteht wie die Kuh vom Blitz, unter der die Türkei einen jedem Türken die Schamesröte ins Gesicht treibenden 149. Platz aller Nationen in einer Rangliste für Pressefreiheit einnimmt, verkommt zu einer nichtswürdigen Despotie. Aber eines kann er, der Herr Erdoğan: Die Diplomaten, die diesen widerlichen Prozeß besuchen und somit schwach, aber doch für den letzten Rest von Freiheit im Pseudosultanat Türkei eintreten, anzuherrschen: „Diplomatie unterliegt einem gewissen Anstand und Umgangsformen. Das ist nicht euer Land. Das ist die Türkei.“. Ach. Ach?

Erinnern wir uns. Dieser Herr reist zuweilen nach Deutschland und spricht in Fußballstadien vor Landsleuten oder solchen, die sich trotz deutschem Paß dafür halten. Er schreit rum und nennt Assimilation ein Verbrechen. Da könnte man ihm seine eigenen Worte entgegenhalten: „Diplomatie unterliegt einem gewissen Anstand und Umgangsformen. Das ist nicht Ihr Land. Das ist die Bundesrepublik Deutschland.“

Hier meint er, den deutschen Botschafter, der im Gerichtssaal saß, anpöbeln zu sollen. Dabei macht der nichts anderes als seine Arbeit. Dieser Herr Erdoğan erträgt es nicht, daß er bei seiner Unanständigkeit auch nur beobachtet wird. Es ist rätselhaft, wieso ein Land wie die Türkei, seit Atatürk auf einer beeindruckenden Entwicklung unterwegs, sich so eine Mischung aus Despot und Clown an der Spitze des Staates leisten zu können vermeint. Aber so, wie die Italiener ihren – im Vergleich harmlosen – Berlusconi überwanden, wird die Türkei einen Erdoğan überwinden.

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