Wenn das Gute böse wird

#979 Ein umtriebiger Herr hat eine wenig erfreuliche Erfahrung gemacht, wie in der heutigen Zeitung zu lesen ist: Er wollte eine Familie, die er nicht kannte, aus einer Notunterkunft in Griechenland nach Deutschland holen. Ohne Auftrag. Oder vielleicht, um es im üblichen Kitsch auszudrücken, mit einem Auftrag des Herzens. Er fuhr selbst mit seinem Auto dorthin, bucht die Rückfahrt für alle auf einer Fähre nach Italien – und war völlig überrascht, als ihn die Griechen über Nacht ins Gefängnis steckten. Und nicht nur ihn: Auch die Kinder, die – allesamt, wen man den Angaben trauen darf  – Fieber hatten.

Wenn’s stimmt, ist es übel und kündet einmal mehr von den Zuständen in Indomeni. Daß da etwas getan werden muß, steht außer Frage. Aber die Lösung besteht eben nicht darin, daß weiterhin jeder nach Deutschland kommt. Einmal ganz abgesehen davon, daß darunter auch freilich Menschen sind, die vom IS geschickt wurden: Und wenn es dieses Problem nicht gäbe, dann wäre doch die Integrationsaufgabe bei weiterhin offenen Grenzen nicht lösbar. Gut, daß sich die CSU de facto durchgesetzt hat.

Und jetzt also steht dieser Herr da und wundert sich, warum man ihn als Schleuser bezeichnet. Nun, weil er doch wohl, wenn der Bericht stimmt, genau das ist. Freilich, er ließ sich nicht in € bezahlen, sondern mit gutem Gewissen. Aber ist das von Bedeutung?

Nein, eher nicht. Es kommt für die Frage, ob etwas richtig oder falsch ist, nicht auf das Motiv an. In lange vergangenen Studienzeiten wurde einmal der Begriff der „Gewalt oder Drohung mit Gewalt oder einem empfindlichen Übel“, wie er im Strafrecht vorkommt, zwischen angehenden Juristen und Germanisten diskutiert. Die Germanisten fanden den Gewaltbegiff juristisch ganz toll definiert und waren begeistert – jedenfalls, solange man ihn im Zusammenhang mit einer Sexualstraftat benutzte. Benutzte man jedoch die gleiche Definition aber in einem ganz anderen Zusammenhang – nämlich der ach so kuschligen Bahngleisblockade zur Verhinderung von Castor-Transporten, wie es damals aktuell war –, dann steig den Germanisten der kalte Schweiß auf die Stirn. Ja, aber, entrüsteten sie sich, so etwas Edles wie Atomenergieprotest unter Gewalteinsatz mit so etwas Bösem vergleichen?

Weil es bezüglich des unerlaubt eingesetzten Gewaltmittels das Gleiche ist. Gewalt darf niemand ausüben außer dem Staat – das ist das Gewaltmonopol. Und unsere Grenzen bewachen wir oder, wenn die Bundeskanzlerin sich da ihren Pflichten verweigert, unsere Nachbarstaaten. Aber kein Privatmann.

Aber so ist er, der Gutmensch: Einer wirklichen Problemlösung eher hinderlich. Daß die Zustände in Syrien tödlich, daß die Zustände in Indomeni fürchterlich sind – das brauchen wir hoffentlich nicht zu diskutieren. Und da müssen wir auch etwas tun. Für die Notaufnahmelager braucht es mehr Unterstützung; für die Lage in Syrien braucht es mehr – auch robuste – Einmischung, um den Menschen wenn nicht gleich Frieden, so doch Waffenstillstand zu bringen. Die Verantwortung der Europäer lautet nicht, daß wir alle aufnehmen und nur die Lahmen dort lassen; damit wäre niemandem geholfen. Den Krieg beendet man auch nicht durch gutes Zureden oder Fährtickets; im Zweifel muß man eben reingehen. Und wenn man rein geht, dann braucht man einen Plan – inklusive einer Idee, wie man wieder raus kommt. Niemand hat gesagt, daß es leicht wäre. Aber wenn es zwingend nötig ist, und das Leid der Menschen macht es nötig, dann muß man sich eben der wirklichen Pflicht stellen.

Was es aber sicher nicht braucht, sind irgendwelche vor allem der Ahnungslosigkeit geschuldete Vergleiche Indomenis mit KZs. Die, die das tun, zeigen damit nur, daß sie nicht verstanden haben, was KZs waren. Die Verharmlosung des Bösen beginnt heutzutage oft damit, daß man alles übertreibt, bis es nicht mehr war ist. Die Flüchtlingskrise wird nicht dadurch gelöst, daß sich Menschen im Alleinauftrag in ihr Auto setzen und nach Griechenland fahren, um andere Menschen nach Deutschland zu schleusen. Sie besteht darin, daß man erstens einen umfassenden Plan faßt, um zu befrieden, daß man zweitens Notlager wie Indomeni schleunigst massiv unterstützt und drittens die gut 1,1 Millionen Menschen, die mindestens zu uns gekommen sind, mit Mühe und Energie und Geduld bei uns integriert.

Advertisements