Ein bunter Strauß

#978 Der Konservative als solcher ist ein freundlicher Mensch. Aber ach, es wird ihm nicht immer leicht gemacht. Zu oft versucht man, aus den verschiedensten Gründen heraus, ihm das Leben schwerzumachen. Da muß man dann schon zuweilen erst einmal durchschnaufen.

Derzeit wird in Nürnberg fleißig diskutiert, ob die Renaissancefassade eines im Innern bereits wiederhergestellten, vor seiner Zerstörung im Luftkrieg weltberühmten Gebäudes ebenfalls wiederhergestellt werden soll oder nicht. In den Zeitungen tobt die Diskussion, und neben dem einen oder anderen zumindest grundsätzlich erst einmal ernstzunehmenden Beitrag pro oder contra stellt dann eine Leserbriefschreiberin allen Ernstes – und die Zeitung veröffentlicht das auch noch – die Frage, ob der Erbauer des Hauses „redlich“ genug gewesen sei, um dies zu tun. O sancta simplicitas. Hoffentlich hat uns der Herr Martin Peller sein Führungszeugnis oder andere Leumundsnachweise hinterlassen. Verwechselt hier vielleicht jemand so ziemlich alles, was man verwechseln kann?

Nach den gestrigen Anschlägen in Brüssel erfolgten die Reaktionen auf leider erwartbarem Niveau. Selbst im Deutschlandfunk, dieser beinahe letzten Bastion zwar oft politisch linker, aber ordentlich gemachter Rundfunkqualität, sülzen irgendwelche Betroffenheitsmoderatoren ein pseudowichtiges, in Wahrheit völlig – aber völlig – irrelevantes „ich bin Jane Doe“ ins Mikrophon. Erstens ist das schlechtes und unhöfliches Deutsch à la Kindergarten. Niemand sollte so egozentrisch auftreten, daß er sagt „ich bin…“. Man sollte wenn, dann „ich heiße…“ oder „mein Name ist…. “ sagen. Aber auch das braucht im Radio kein Mensch. Es hieß früher, am Ende der Nachrichten: „Sprecher war x y“. Reicht völlig aus. Warum man über diese Kleinigkeit ein Wort verliert? Eben weil diese Kleinigkeit ein Symptom der erbärmlichen Betroffenheitswelle ist, und der enormen Egozentrik insbesondere von Anfängern und Ahnungsarmen. Das führt dann dazu, daß eine Zeitgenossin allen ernstes gestern – via Deutschlandfunk – aus Brüssel verkünden durfte, daß jetzt auf dem Weg zum Flughafen alles echt kompliziert sei, aber natürlich die, die Angehörige verloren hätten, noch viel mehr zu leiden hätten oder gar die, die jetzt tot seien. Man möchte dieser Person wirklich so etwas wie Schamgefühl schicken; notfalls auch per Paket…

Es ist auch nicht nötig, in Kitsch auszuarten. Damit verharmlost man am Ende das Geschehen. Es gibt einfach keinen Grund, einer sachlichen Meldung doofe Worthülsen wie beispielsweise „leider“ anzuhängen. Das wirft dann nämlich unter anderem die Frage auf, wann etwas „leider“ ist oder nicht. Beim Terroranschlag: Ab wie vielen Toten? Oder nur, wenn auch deutsche Staatsbürger betroffen sind? Und ansonsten ohne „leider“? Oder ist alles „leider“? Quark und Quatsch. Derlei läßt man einfach weg, getreu dem alten und leider heute fast vergessenen Journalistenmotto, daß man sich mit keiner Sache gemein macht – auch mit keiner guten. Denn Journalismus ist das Berichten – nicht das Bewerten. Aber das scheinen zu viele heute zu langweilig zu finden. Und so hauen sie alle ihre emotionalen Rülpser raus und finden sich ganz toll.

Nun also sind alle mit Belgien „solidarisch“. Ist das mehr als eine unverbindliche Absichtserklärung? Was heißt das praktisch? Wie sieht diese Solidarität aus? Und wieso kann der Bundesminister Jahrzehnte nach der Gründung der EU, nach Gründung von Europol, nach zig Übereinkommen, über 15 Jahre nach dem 11.9.2001 tatsächlich und ohne das Gefühl von Realsatire sagen, daß die Zusammenarbeit der europäischen Geheimdienste deutlich verbesserungswürdig sei? Wir erleben derzeit nicht nur die ewig haßerfüllten, ewig feigen, ewig widerwärtigen Angriffe einer verkommen, von sich und anderen aber als religiöse Avantgarde wahrgenommenen Mörderbrut, sondern auch das immer noch nicht gut vorbereiteten, nur bedingt abwehrbereiten Europas, das ohnehin schon aufgrund der Bräsigkeit seiner Institutionen in der schwersten Krise seit seiner Gründung steckt. Und man möge sich nicht täuschen: Für ihre Taten muß man die Terroristen, ob von innen oder über unkontrollierte Grenzen kommend, verantwortlich machen. Für das Versagen der europäischen Staaten aber ist die Verweigerung gegenüber der Realität, sind wir also selbst verantwortlich.

Und so ist der doch an sich freundliche Konservative ganz schnell wieder der mit der schlechten Laune, weil einfach zu viel falsch läuft und es nichts bringt, auf dem falschen Bein „Hurra!“ zu schreien. Lieber wider den Stachel des Zeitgeists löcken – das macht mehr Spaß und gibt mehr Sinn.

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