Wie man es richtig macht

#974 Als Präsident John F. Kennedy 1961 das Ziel verkündete, einen Menschen auf den Mond zu schicken und ihn sicher zur Erde zurückzubringen, da war das seinerzeit größte Vorhaben auf den Weg gebracht. Die naturwissenschaftlichen Voraussetzungen wurden an wohl allen Universitäten der freien Welt erforscht, die technischen Möglichkeiten in den führenden Unternehmen entwickelt: Es war vor allem eine nationale, aber teilweise auch internationale Kraftanstrengung, die dem Ziel angemessen war – und die das Ziel erreichte: Im Juli 1969 landete Apollo 11 auf dem Mond.

Als Nebenprodukt soll die Teflonpfanne entstanden sein, was nicht stimmt, und Raumanzugsimitate mit Helm, Tornister und Moonboots , mit denen kleine Knirpse wie der Verfertiger dieser Zeilen so lange zum Kindergarten gingen, bis das edle Weiß einem profanen Grau gewichen war und ich den Helm abnehmen mußte, um mich bei meinen Freunden wieder in Erinnerung zu bringen. Bis heute ist die Mondlandung ein fester Topos in Kunst und Kultur, im Bewußtsein der Menschen – jeder der damals lebenden Menschen weiß, wo er im Moment der Mondlandung war.

Die Amerikaner der 1960er Jahre hätten das Ziel nicht erreicht ohne das in seinem Umfang noch heute staunenswerte Apollo-Programm. Der europäische Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wäre ohne den Marshall-Plan nicht gelungen.

Ein großes Ziel braucht einen wohl durchdachten Plan, der in seinem Ziel fest ist und in seinen Methoden frei. Es muß – ab einer gewissen Größe – alle gesellschaftlichen Gruppen und die ganze Nation umfassen, oder sogar mehrere, um zum Erfolg geführt zu werden.

Die Situation von Flüchtlingen vor allem aus Syrien ist nichts, was mal eben so en passent erledigt werden könnte. Die mit ihrer Art zu leben nicht sofort problemlos in unsere Art zu leben integrierbaren Menschen brauchen ja nicht nur Sprachunterricht – der zwar das wichtigste ist, aber eben doch nur ein Anfang. Sie brauchen Berufsausbildungen, kulturelle Begleitung. Teilweise muß ganz unten angefangen werden – Stichwort: Analphabetismus. Oder: Köln. Köln mag nicht typisch sein, aber es wäre auch falsch zu sagen, daß es Köln nicht gegeben hätte oder daß es nichts weiter besonderes gewesen sei. Wer glaubt, Parallelen zwischen Köln und dem Oktoberfest ziehen zu sollen, hat sich längst in ein Nirwana verabschiedet, das mit der Realität nichts, nichts, nichts mehr zu tun hat. Erst heute berichten die Nürnberger Zeitungen über eine Massenschlägerei in der Sammelunterkunft für Flüchtlinge in Langwasser zu der mehrere Dutzend Polizisten ausrücken mußten, um die Lage zu beruhigen. Das mag nicht dauernd und überall passieren, aber: es kommt vor. Und das alleine ist nicht gut.

Übrigens ist durchaus klar, daß bei solchen Unterbringungen immer Ärger entstehen wird, und wenn die Menschen, die in solchen Sammelunterkünften leben, aus Fürth wären: So etwas kommt von so etwas, aber man muß eben zunächst auf die Sammelunterkünfte zurückgreifen. Konflikte bleiben da nicht aus.

Eben deswegen ist es wichtig und richtig, daß es ein Ziel gibt. Bisher gibt es nur etwas Vages, nichts Konkretes. Die Bundesregierung, der Bundestag – oder die entsprechenden Organe auf EU-Ebene – müssen sagen, wie das Ziel lautet. Und dann müssen sie sagen, wie man das Ziel erreicht. Und wer das macht. Und wer es bezahlt.

Es ist schlimm, wenn aus Feigheit vor dem Wähler keiner so recht sagen mag, was das Ziel ist und was dafür nötig ist.

Das Ziel ist: die Linderung menschlicher Not, das Beenden der Flucht von Millionen Menschen vor Kriegen. Dazu müssen die Kriege beendet werden. Dazu müssen sichere Plätze gefunden werden – und unterhalten werden. Dazu werden auch notwendigerweise Menschen aufgenommen werden müssen, in Deutschland und in der EU, aber sicher nicht alle: das wäre zu viel. Es wird Orte geben, die sicher sind – auch wenn sie nicht viel mehr als Sicherheit und das Überleben sichern. Und es werden Menschen hierher kommen, aber sie werden sich der Mühe der Integrsation unterziehen müssen. Sie werden oft Lesen und Schreiben lernen, die Sprache lernen, das Grundgesetz akzeptieren, unsere Staat respektieren, sich vom oft anerzogenen eliminatorischen Antisemitismus befreien und viele andere kulturelle Vorleistungen erbringen müssen, bevor sie in unserer Gesellschaft ankommen können. Das ist nötig und läßt sich nicht wegschmusen.

Heute morgen war im Deutschlandfunk zu hören, wie ein Flüchtling aus Syrien über die Leipziger Buchmesse geführt wurde. Für diesen Mann war es freilich ein Schock, mit diesen Aspekten unseres Kulturlebens so konfrontiert zu werden. Das müssen Millionen von Menschen, das müssen wir millionenfach leisten. Und dazu gehört auch, daß derjenige, der die Musik bestellt hat, die Kapelle bezahlt. Und der Besteller ist der Bund. Der drückt sich jetzt vor seinen Pflichten, und das ist mies.

Aber das dringendste Problem ist die Unklarheit über das Ziel. Beim frivolen „wir schaffen das“ hat die Bundeskanzlerin vergessen zu sagen, was „das“ eigentlich sein soll. Bundesregierung und Bundestag haben vergessen, etwas zu beschließen. So macht man es nicht. Die Mondlandung zeigt, wie man es macht.

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