Bio-Pommes

#969 Neulich im Supermarkt meines Vertrauens. Eine hoffnunsgvolle Nürnberger Nachwuchsbürgerin, geschätzt vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, im Dresscode des Zeitgeists gewandet, stürzt, ihre Mutter hinter sich lassend, ein paar Meter voraus, stützt sich auf den Rand einer Kühltruhe, bekommt einen betroffenen Gesichtsausdruck und nölt, auf das Tiefste traumatisiert von den Schrecken der Wirklichkeit: „Mutti, es sind keine Bio-Pommes mehr da.“

Nachdem sich solcherart das Elend der Menschheit einen Schrei der Not aus tiefster Kehle entrungen hat, eilt die Mutter sorgenvoll herbei, betrachtet die Auswahl von etwa zehn verschiedenen Sorten tiefgekühlter Pommes frites und sagte beruhigend: „Wird schon gehen, Kind“. Ich war beeindruckt.

Wir reden, wohlgemerkt, nicht von einem Grundschüler, der eben enttäuscht sein mag, wenn es das Bonbon nicht in der gewünschten RGB-Farbe gibt. Wir reden von einer schon nicht mehr kindlichen jungen Frau. In der Schule mag sie im „Nie wieder!“-Kurs sein oder im Kafka-Lesezirkel, im politischen Debattierklub und bestimmt ist sie sozial ganz knorke engagiert. Aber ach – hat das Leben denn überhaupt noch einen Sinn, wenn die Bio-Pommes aus sind?

Der phrasendreschenden Menschen wird es immer mehr, aber es gibt einige Ort, an denen der Mensch sein wahres Gesicht zeigt. Supermarkttieflkühltruhen gehören offensichtlich dazu.

Daß es überhaupt Tiefkühl-Bio-Pommes gibt, wußte ich bisher gar nicht. Schon wieder etwas gelernt. Aber ob es meine sittliche Reife verbessert, weiß ich dann doch noch nicht.

Nachtrag für Insider: Um diesen Artikel zu bebildern, suchte ich nach einem Bild von Pommes frites; erst einmal versuchte ich es bei Wikipedia. Dort fand ich zwei Bilder, die grundsätzlich in Frage kamen. Eines zeigt Pommes auf einem Teller, einer in der Pappschale mit Ketchup. Nun muß man wissen, daß es bei Wikipedia solche Bilder in verschiedenen Lizenzen gibt. Die für diese Zwecke beste ist „Public domain“. Simpel gesagt, darf man das einfach so verwenden. Aber diese beiden Bilder waren beide mit komplexen Lizenzen verbunden, deren korrekte Wiedergabe hier irrwitzig viel Platz in Anspruch genommen hätte. Pommes-Bilder! Man schämt sich ja sonst zu wenig. Das ist wohl reine Beutelschneiderei – in der Hoffnung, daß jemand die Bilder verwendet, ohne die Lizenz richtig anzugeben, und dafür dann mit einer teuren strafbewehrten Unterlassungserklärung abgestraft wird. Nicht mit mir. Das Bild ist aus der englischsprachigen Wikipedia und Public Domain. 

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