Deutschlandfahrt

#961 Das war wirklich nett von der Bahn: Meine letzte BahnCard lief im Januar ab, und am gestrigen Freitag mußte ich nach Kassel. Und wie sich das gehört: Am Tag vor der Reise war ein Gutschein der Bahn im Briefkasten, für den Fall, daß ich eine neue BahnCard… Wirklich nett, lieber Herr Grube. Gemacht, getan.

Gestern dann ging’s früh los. Der Zug war voll, es fand sich aber gleich ein Platz. Aber ach, es war kein guter. Drumherum saßen viele Menschen, Österreicher, wie es schien – sie sprachen kein verständliches Idiom –, die auf dem Weg zum Spiel eines Fußballbundesligisten waren. Welcher es war, tut hier nichts zur Sache; sie waren aber allesamt in schrillgelbe Schals und anderen Tinnef, den man im Zug jetzt nicht wirklich zum Überleben braucht, gehüllt.

Was trinken Sie um 8 Uhr: Café oder Tee? Diese Mitreisenden hielten sich mit derlei nicht auf; da gab’s gleich Pils, Märzen und Helles, unterbrochen von – zum Gaudium aller anderen – mit geräuschintensivem, heftigen Klopfen auf den Tisch Aufmerksamkeit und Liebe heischend aufbereitetem Likör. Wenn die Oma etwas Süßes süffelt, wird das abgetan, aber wenn Jungmannen dasselbe süßliche Zeug als zweites Frühstück (nach dem Bier) konsumieren, kommen sie sich wer weiß wie toll und männlich vor.

Aber ach, wir leben im 21. Jahrhundert: Zum Glück haben wir Kopfhörer dabei und ein Smartphone, und das eine läßt sich in das andere stecken, auf daß man von der Umwelt, die ja nun auch nicht immer das ist, was sie mal war, nicht allzu viel mitbekommen muß. Nur ein kleines Weilchen noch, dann ist in Würzbug umzusteigen. Wohlan, dann bin ich die los…

Weit gefehlt. Auch andere, schrillgelb gewandete Reisende mußten in Würzburg umsteigen, und so brachte ich einige Meter Abstand zwischen diese Gruppe und mich. Wir sind einfach zu viele Menschen, als das alle alle lieben können, oder, anders gesagt: Menschenliebe lebt zuweilen auch vom Abstand.

Im nächsten Zug dann wieder eine interessante Entdeckung. Da gibt es Reisende, die sitzen alleine am Vier-Personen-Tisch, aber breiten sich, ihren Computer, ihre Zeitung und ihr Butterbrotpapier so aus, daß keiner es wagt, mit einem „Ist hier noch frei?“ einen der drei übrigen Plätze zu belegen. Eben dies ist ja die Hoffnung jener Breitmacher: Dem anderen eine Hemmschwelle aufzuzeigen, über die er – hoffentlich – nicht drüber kommt. Setzt sich dann einer dazu, dann wird er strafend angesehen: Wie kann er es wagen?

Aber sobald die zwei dann sitzen und sich eingerichtet haben – also miteinander oder gegeneinander geklärt haben, wer seine Füße wohin ausstreckt, wer seine Ellenbogen wo und wie auf der Tischplatte plazieren darf und so weiter –, sind sie plötzlich keine Gegner mehr, sondern Verbündete im Verteidigen des gemeinsamen Reviers gegen jeden Dritten, der es wagen sollte, eine Begehrlichkeit zu entwickeln. Der Mensch als solcher ist schon spaßig.

Bevor jemand schimpft, bei „plazieren“ fehle ein t: Nein, das ist nicht der Fall. Hier wird die alte, also richtige Rechtschreibung gepflegt, und da das Wort aus dem Französischen auf uns gekommen ist, schreibt man es ohne t. Möglicherweise könnte man „placieren“ schreiben, wenn man es noch bildungsbürgerlicher mag, aber jedenfalls nicht neusprechdummdeutsch mit t. Eklig.

Auf der Rückfahrt dann ward ich selber ein solcher Egoist, der einen Vierertisch allein zu belegen begehrte, aber ach: der Zug war schon abgefahren, als doch noch jemand den Gang entlang kam, einen Platz suchte und mir schräg gegenüber Platz nahm. Das war schon in Ordnung; ich bin gar nicht so böse, wie manche denken. Aber dann wurde ich es, innerlich. Man stelle sich vor:

Der Herr Zeitgenosse führte einen großen Rucksack mit sich. Aus diesem entnahm er, kaum hatte er sich behaglich in den Sitz gekuhlt, eine Tüte aus Papier. Die legte er vor sich und riß sie – ratsch – bedächtig entzwei. Zum Vorschein kam ein Kuchen, wohl ein Kirschstreuselkuchen. Und dann geschah es: Der Herr Zeitgenosse nahm den Kuchen in beiden Hände, sah ihn sich aus der Nähe an – und sprach mit ihm. Erst lächelte er ihn nur an, schien ihn zu begrüßen oder mit ihm zu scherzen. Dann aber murmelte er so etwas wie „dich verknuspere ich jetzt“, grinste glückstrahlend und haute das Gehege seiner Zähne in die arme Masse aus Mehl und Zucker und Kirschen.

Er setzte dieses Procedere fort, aber ich bekam davon nicht mehr viel mit: Kopfhörer, Sie wissen schon. Wenn einer eine Reise tut…

 

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