Kulturkritik. Oder: Verzweiflung.

#939 Freitag, das Wochenende naht, und um ein prima Gericht mit dem schönen, geheimnisvollen Namen „Huhn nach Art Mr. King“ zu machen, steht der Verfasser dieser Zeilen an der Fleischtheke – wo, das kann allerdings aus Diskretions- und Datenschutzgründen hier nicht verraten werden. Der Dialog, der in die Annalen der bemerkenswerten Verkaufsgespräche eingehen wird, beginnt it einer verschämten, aber typisch fränkischen Fragestellung an die hinter’m Tresen waltende Fachkraft:

  • Ich: „Sagen Sie bitte, frische ganze Hühner haben Sie nicht?“
  • Sie: „Nein.“
  • Ich: „Hm.“
  • Sie. „Aber frische Flügel und Brust hätt‘ ich.“
  • Ich: „Ach.“
  • Sie: „Da, schaun’S.“
  • Ich: „Gut. Dann geben’S mir doch bitte – ja, wieviel wiegt denn ein normales, ganzes Huhn? Soviel brauche ich nämlich.“
  • Sie: „Weiß ich nicht.“
  • Ich (denkend): Die kennt sich aber für eine Metzgereifachverkäuferin besonders gut aus. Weiß ich nicht kann mir auf diese Frage auch der Schuhmacher antworten.
  • Sie (laut nach hinten rufend): „Erna! Wieviel wiegt ein ganzes Hähnchen?“
  • Erna aus dem Off: „Blöde Frage. Woher soll ich das wissen?“
  • Ich (denkend): Die Erna kennt sich aber auch aus. Laut: „Vielleicht ungefähr ein Kilo?“
  • Sie, vorsichtig ratend: „Ja, das könnte sein.“
  • Ich: „Dann geben Sie mir bitte ein Kilo.“

Sie packt vier große Flügel und Brust, legt es auf die Waage. Es sind zwei Kilo. Erwartungsvoll schaut sie mich an, die Frage lautlos stellend, ob ich einverstanden wäre, wenn es etwas mehr ist. Das ist mir dann aber doch etwas viel zu viel. Mit einem Blick, als ob ich ihr etwas Ungebührliches zumute, nimmt sie etwa die Hälfte wieder runter. Als ich die Tüte von ihr bekomme und arglos meiner Wege gehen will, ruft sie mir freudestrahlend ein „Danke für Ihren Einkauf. Ein schönes Wochenende! Alles Gute!“ hinterher.

Und ich frage mich mal wieder, ob es wirklich so sein muß, daß man fachlich nicht so viel wissen muß, um es in völlig banale Sprachhülsen kleiden zu müssen. Ach, was soll’s. Aber wenn ich schon dachte, daß das blöd wäre – hier eine eMail von einem größeren deutschen Unternehmen, das in seine sprachlichen Hohlheit, Blasiertheit und in seiner unsäglichen, übergriffigen Art und Weise seinesgleichen sucht:

Guten Tag, lieber …, 

gut, dass Sie nachhaken. Gern bin ich für Sie da. Sofort habe ich einen Blick in Ihr Kundenkonto geworfen und siehe da: am 30.01.2016 wurde …(blablabla). Ziehen Sie einfach x Euro von Ihrer Rechnung ab. Überzeugen Sie sich selbst auf http://www.daswirdnichtverraten.de In der Rubrik „Mein Konto“ finden Sie die Funktion „Meine Konto-Buchungen“. Hier können Sie die Gutschrift sehen. Sollten Sie mal wieder eine Frage haben, melden Sie sich bei mir. Ich erfülle Ihre Wünsche gern. 

Lassen Sie den Tag ganz in Ruhe ausklingen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. 

Freundlich grüßt Sie

Das dürfte ein kaum noch zu steigerndes Gesülze sein. Bin ich denn der einzige, den so etwas nervt?

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