Ein ungemeiner Jux

#938 Ein Popanz führt uns alle an der Nase herum, um manche klatschen auch noch Beifall. Ein gewisser Julian Assange hat in Schweden etwas getan, was in Schweden als Vergewaltigung strafbar ist. Das ist nach den Ermittlungen und Aussagen so sicher, daß es ausreicht, um Anklage zu erheben. Nun hat der Herr keine große Neigung, etwaig ins Gefängnis zu gehen. Also verkündet er der Welt, was für ein feiner Kerl er ist. Und das sollen alle jetzt einmal bestaunen.

Er verrät dieses und jenes – es scheint ihm gleich zu sein, wie viel Schaden er damit anrichtet, wie viele jahrelange Bemühungen um eine sanfte Annäherung er hier und dort vernichtet hat und Menschen, die sich in diskreten Kontakten um Aussöhnung bemüht haben, durch die Aufdeckung des Geschehens und der Namen ans Messer geliefert hat. Die Herrschaften der Hamas in Gaza, beispielsweise, töten sogar Eltern, die ihre behinderten Kinder in ein besonderes Urlaubscamp nach Israel schicken – weil es Israel ist. Und so gibt es noch anderen Gewalttäter wie die Hamas; und der Herr Assange liefert ihnen die Namen ihrer Widersacher frei Haus. Da wird sich die Hamas freuen. Und andere. Wir aber sollen ihn immer noch toll finden, diesen Wunderknaben.

Jetzt hat er in einer Neben- und Randorganisation der ohnehin schon um einen letzten Rest von Seriosität ringenden UN gefunden, die ihm in einem sogenannten Gutachten, der wohl eher ein Besinnungsaufsatz ist, sogar eine Entschädigung dafür zusprechen wollen, daß er aus Angst vor der Justiz eines Rechtsstaats in die Botschaft eines halben Rechtsstaats geflohen ist. Absurder geht’s kaum, und die britische Regierung fand für das Gutachten die wohl treffende Bezeichnung „lächerlich“.

Soll er sich halt an die Gesetze halten. Und wenn er sich nicht dran hält – nun, dann muß er eben durch. Aber ein flüchtiger Straftäter kommt mit so einem Wisch an, der ihn zum Helden stilisiert? Das ist lächerlich.

Auch zu glauben, die Angst, nach den USA ausgeliefert zu werden, ist bei näherer Betrachtung doch etwas absonderlich. Wenn er sich nach amerikanischem Recht strafbar gemacht hat und Schweden ein Auslieferungsabkommen mit den USA hat – ja, dann gehört es doch wohl zu den rechtsstaatlichen Wahrheiten, die auch für einen Julian Assange gelten.

Er ist anscheinend auch einer dieser Typen, die da meinen, daß der Zweck die Mittel heiligt. Tut er nicht. Weder in Schweden im Bett noch in London im Fluchtpunkt einer Botschaft. Die Tatsache, daß sich die UN zum Büttel einer bemerkenswerten Ego-Maschine machen, trägt nicht zur Rettung ihres Rufs bei.

Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Freilich war da manches – aber keineswegs alles –, was durch Wikileaks aufgezeigt wurde, relevant; das soll nicht bestritten werden. Aber erstens ist dies das Resultat einer Arbeit von vielen und nicht die eines einzelnen Menschen, der vor lauter Sendungsbewußtsein kaum noch laufen zu können scheint. Und zweitens hätte man das Relevante auch so veröffentlichen können, daß nicht Menschen gefährdet werden. Es ist diese „ich weiß was, Herr Lehrer!“-Haltung, die nicht hingenommen werden kann. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel.

Bild: By David G Silvers. – https://www.flickr.com/photos/dgcomsoc/14770416197/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34813282

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