Glück und Glas…

#937 ..wie leicht bricht das: Ja, auch ein im Gewand einer Schlagerweisheit daherkommender Spruch eines ollen Römers kann nicht nur wahr sein, sondern auch als Titel für den heutigen Blogbeitrag herhalten. Nett von Publius Syrus, daß er bestimmt zu diesem Behufe jene Sentenz prägte.

Der gute Publius, jener Dichter von vor 2000 Jahren, war übrigens wohl ein Syrer. Aber hier und heute soll es einmal nicht um ein gewisses, uns alle derzeit beschäftigendes Thema gehen, sondern um Atavismen der Sprache.

In diesem Blog wird, entgegen der hier eher als öde wahrgenommen Hipster-Szene, der Versuch gewagt, ein halbwegs lesbares Deutsch zu schreiben, das vielleicht auch noch ab und an Vergnügen bereitet. Mit Redewendungen und Wortspielen, mit Geschmeidigkeit der Sprache hier und Schärfe dort, mit einem Wortschatz, der diese Bezeichnung verdient und nicht nur ein Vokabular ist, mit einer Grammatik, die nicht nur den Indikativ oder den Akkusativ kennt. Sätze sind hier zuweilen wirklich ausgeschrieben. „Ich geh Döner“ entspricht nicht ganz und gar dem hier gepflegten Sprachniveau.

Dafür gibt es ab und zu Lob, dafür gibt es eine mittlerweile erkleckliche Schar von treuen und halbwegs treuen Lesern. Das freut den Verfasser dieser Zeilen. Aber da gibt es auch etwas anderes, nämlich: Kritik. Und zwar ausgerechnet an der Sprache.

Wenn jemand, der anderer politischer Meinung ist – und derlei soll es ja dem Vernehmen nach geben –, nicht so ganz übereinstimmt mit der hier vertretenen Meinung, die wohl zutreffend als CSU-nah bezeichnet werden könnte, dann kann und soll er immer noch Vergnügen daran haben können, wie hier geschrieben wird. Aber nun kommt er an, der frivole Vorwurfserheber, und erhebt als Vorwurf: Hier würde „daß“ statt „dass“ geschrieben werden, und zwar „immer noch“.

Das ist gut beobachtet. Und es wird auch so bleiben. Dem alten Sinnspruch gehorchend, daß man einen alten Baum nicht mehr verpflanzt, darf auf die Lebensjahre des Autors verwiesen werden, die immerhin schon eine respektgebietende Fünf vorweg tragen. Aber das ist ein formales Argument, und formale Argumente sind meist langweilig und unbefriedigend. Also wird einmal klargestellt, welches die inhaltlichen Gründe dafür sind, daß von dieser Stelle aus nur mit Verachtung und Ablehnung auf das geblickt wird, was die Sprachverhunzer unserer Zeit tatsächlich und in der Tat ohne einen Anflug von Ironie „Rechtschreibreform“ zu nennen sich erdreisteten.

Sprache ist kein Gegenstand von Gesetzgebung – jedenfalls nicht im Sinne von Sprache als Werkzeug des Ausdrucks, als – wenn geschrieben und also materialisiert – gleichsam physisch geronnenen Gedanken. Und da schüttelt es einen, der Sprache eben auch mit Hingabe pflegt, vor Widerwillen, wenn etwa „nummerieren“ statt „numerieren“ geschrieben wird, wie es richtig wäre, weil das Wort nicht von „Nummer“ kommt, sondern vom lateinischen Verb „numerare“. Es heißt „Portemonnaie“ und nicht „Portmonee“. Eigentlich sollte es „photographieren“ heißen, denn im Altgriechischen – das Wort bedeutet „lichtschreiben“ – gab es kein f, sondern eben nur das ph. Es gibt keine drei gleiche Konsonanten hintereinander, und deswegen heißt es natürlich „Sauerstofflasche“ und nicht etwa „Sauerstoffflasche“.

Und es heißt, den Schweizern zum Trotz – die das schon lange abgeschafft haben – auch „daß“ statt „dass“. Das scharfe S oder Sz, das „ß“, ist ein Eigending der deutschen Sprache. Es gibt keinen Grund, das aufzugeben. Mögen andere ihr ç oder ñ behalten, ihr š oder ý – sollen sie, und sie sollen bitte mit dem ß leben.

Es ist ja nicht zufällig entstanden. Zum einen verhindert es dümmliche Verwechslungen. Ob etwas Miß- oder Miss- ist, macht schon einen kleinen Unterschied. Beispielsweise im Verhältnis; aber das sind vielleicht zu feine Unterscheidungen. Für das Unterscheiden ist vielleicht in unserer Zeit nicht mehr die notwendige Feinheit von Sprache vorhanden. Oder vonnöten. Wer weiß?

Jedenfalls gibt es hier Gründe für die Benutzung der Sprache, wie sie vor der großen Verhunzung aussah, die ohne jedwede Notwendigkeit erfolgte und heute noch mehr Sprachlose aus den Schulen entläßt als Sprachkundige. Mit einem primitiver gewordenen Werkzeug lassen sich eben keine so feinen Schnitte mehr machen.

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