Demokratie ist Arbeit

#936 Gestern auf der Bürgerversammlung in St. Leonhardt, ein kurzer Dialog zwischen zwei Besuchern vor Beginn: „Stellst du nachher deine Frage?“ – „Nein, das bringt doch nichts; die muß man doch vorher schriftlich einreichen.“ – „Ach so.“

Und schon war sie wieder vertan, die gute Möglichkeit des Mitmachens, Mitentscheidens, Mitregierens.

Denn Demokratie lebt nicht so sehr von der Spontaneität, sondern von der Vorbereitung. Wenn einer mit einer Idee ankommt, vor ihm sitzt beinahe die komplette Stadtregierung, und er fängt an, in breitestem Fränkisch, unter Erwähnung seines letzten Urlaubsortes, seiner Enkelkinder und seiner profunden Erfahrung als Bürger irgendetwas zu erzählen, was inhaltlich zu verstehen nicht so ganz einfach ist, dann wird es schwierig. Nicht nur die die anderen Zuhörer, nicht nur für die Stadtspitze, sondern vor allem auch für die Idee. Denn, täuschen wir uns nicht: Ein schlechter Vortrag allein ist noch kein Beleg dafür, daß die Idee schlecht ist.

Deswegen sollen die Fragen vorher eingereicht werden: Durch die Verschriftlichung bleibt jeder besser am Thema und schweift weniger ab. Man kann das schon auch verstehen: Nicht jedem Bürger stellt sich andauernd die Gelegenheit, dem Oberbürgermeister, dem Bürgermeister, den Referenten seine Meinung zu sagen. Er hat vielleicht eine gute Idee bezüglich einer konkreten Sache, aber wenn er schon mal die Gelegenheit hat, dann nutzt er sie und dann geht das ungefähr so:

„Ja, schee, Herr Oberbürchermaster, daß Sie da san. Wo Sie schon mal da san, also, ich hab do mal a Fraach. Solldn wir ned bei dem Kindergardn – wiss’S, mir ham ja aa drei Enkala, Moment, ich zeich Ihna mal a Bild, Mist, bleides Handy, Margarethe, hilf amol, der Herr Oberbürchermaster möcht dei Bilda von unsere Enkala sehen, also, wir solldn, meinen mei Fraa und ich, dös war die Margarethe, Sie ham’S ja grad mit meinem Handy gsehen, die probiert des jetzt, die kennt sich ja technisch aus, neulich waren wir auf Kur in Bad Staffelstein, und do hat sie von ganz allans den Fernseh repariert…“

Spätestens an dieser Stelle hat sich der Angesprochene weggedreht; die doch womöglich gute Idee bleibt auf immer das Geheimnis unseres mitteilungsbedürftigen Bürgers. Eigentlich schade.

Aber nicht nur am Vortrag mangelt es zuweilen. Auch die Frage selbst, oft speziell und ein ziemliches Detail betreffend, kann nur eine Antwort finden: „Wir schauen uns das an.“

Und das ist ja nun nicht wirklich das, worauf der Bürger einen Anspruch zu haben meint – im Zeitalter der 5-Minuten-Terrine: Da muß alles sofort gehen. Meinen manche.

Geht aber nicht, denn vieles kann nicht sogleich beantwortet werden. Da muß erst nachgeschaut werden: Gehört dieses Grundstück der Stadt, darf die Stadt so eine Entscheidung treffen, welche anderen Bereiche berührt das, wie kann man das Gewünschte umsetzen? Wenn der zuständige Referent die Sache hat prüfen lassen, dann kann er eine gute Antwort geben: Er wird die Idee umsetzen oder er wird sie nicht umsetzen oder er wird sie dem Stadtratsausschuß vorlegen oder was auch immer. Aber ein verantwortungsbewußter Referent wird nicht sagen: „Klar, machen wir! Am besten gleich morgen früh.“

Und also lautet die Erkenntnis, daß Demokratie Arbeit ist. Man muß sich seine Frage überlegen, am besten vorher aufschreiben und einreichen – geht ganz leicht und tut nicht weh, das Internet hilft -, auf daß die Antwort auf sie vorbereitet wird. Und dann kann es dem Fragesteller, nennen wir ihn Schmidt, der sein Anliegen vielleicht fast schon wieder vergessen hat und der hauptsächlich deswegen in der Bürgerversammlung hockt, weil im Fernsehprogramm einfach nichts Gescheites kommt, passieren, daß ein Referent aufsteht und sagt: „Auf die Anregung von Herrn Schmidt haben wir im Amt die Sache besprochen, haben nachgeforscht und können folgenden Vorschlag auf der nächsten Ausschußsitzung beschließen: ….“

Da staunt er aber, unser Herr Schmidt. Und er stellt fest, daß solche Sitzungen nicht zum Ersinnen einer Idee da sind, sondern um sie vor einem größeren Publikum mit der Stadtverwaltung zu besprechen. Und dann, ei gucke und schau, wird es auch etwas mit der Mitsprache.

Demokratie funktioniert – man muß nur mitmachen.

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