Von der Redlichkeit (I)

#933 Der Mensch als solcher ist ein diskussionsfreudiges Wesen. Er hat eine Meinung, die er gefälligst allen anderen mitteilen möchte, auf daß sie über seine Klugheit staunen und sich freudestrahlend dieser Meinung anschließen und, ein einig Volk von Brüdern sollt ihr sein, fürderhin ohne Streit zusammenleben.

Gibt es das? Gewiß nicht. Jeder denkt doch für sich – jedenfalls mancher; andere denken weniger und glauben, mit ein wenig Schlagzeilenlektüre hätten sie schon eine Grundausstattung zur politischen Diskussion erworben; was nicht stimmt – wie nicht oft genug gesagt werden kann.

Aber lassen wir mal die Maulhelden beiseite, die eh meist nicht einmal diskutieren wollen (von Können ganz zu schweigen), weil sie üblicherweise in einer Diskussionsrunde zwar gerne irgendein persönliches Befinden äußern („Ich! Ich! Ich!“), aber danach schnell das Weite suchen, weil sie ansonsten nichts beizutragen haben. Reden wir nur von denen, die sich – jedenfalls aus der eigenen Sichtweise – um die Teilnahme am Diskurs, an der öffentlichen politischen Diskussion bemühen.

Und jetzt sind wir mittendrin in der Bedeutung des titelgebenden Wortes: Redlichkeit. Es sind ein paar Dinge zu beachten, damit man gut diskutieren kann. Was ist „gut“? Nun, gut ist eine Diskussion dann, wenn man zu den Argumenten vorstößt: Das reine Austauschen von Meinungen ist keine Diskussion, sondern weist eher eine Ähnlichkeit zu den Vorherrschaftsritualen von Nashörnern auf. Interessant ist in einer Diskussion nicht so sehr, was einer meint, sondern warum er es meint; erst beim Satz, der mit dem Wörtchen „weil“ beginnt, nähert man sich dem, was – hoffentlich – ein Argument ist.

Warum nur fast? Das ist schnell gesagt: Weil unangemessene Verallgemeinerungen, Pauschalierungen, aufgebauschte Tatsachenbehauptungen das Gegenteil des Materials sind, aus dem eine Meinung erwachsen kann. Gut, zugegeben, das war etwas abstrakt, also sei es am Beispiel erläutert: Wenn einmal ein relevanter Vorgang nicht in der Presse erscheint, dann ist Anlaß zur Kritik gegeben – aber nicht der Vorwurf der „Lügenpresse“ zu erheben. Übrigens ist das schon deswegen nachgerade lächerlich, weil wir in Zeiten leben, in denen jedermann jeden Brösel an Tatsache so öffentlich machen kann, wie er nur will, dem Internet sei Dank. Es gibt kein besseres Mittel gegen die Unterdrückung von Tatsachen, ob gewollt oder aus Nachlässigkeit. Aber eben deswegen, weil das ein gutes Mittel ist, ist dieses Internet vom Herrn Diktator nicht nur gefürchtet wie der Knoblauch vom Vampir; es ist auch ein Mittel, das zum Mißbrauch einlädt.

Immer wieder wabern Meldungen durchs Netz, die vor lauter Blödheit niemals den Sprung in die Realität schaffen können. Ein häufiges Merkmal solcher Meldungen ist beispielsweise ihre Beleglosigkeit: Jeder lernt, daß man Behauptungen belegen muß; man muß die Quelle angeben. Fehlt diese oder ist diese unseriös, dann ist der Beleg nichts wert und damit auch die Behauptung. Für die Seriosität eines Belegs gibt es klare Richtlinien. Und wenn eine Site nicht seriös ist, dann darf man sich ihrer im Diskurs auch nicht bedienen.

Von Adorno stammt die Erkenntnis, daß nur die Übertreibung wahr sei. Das stimmt schon – aber der Umkehrschluß ist nicht erlaubt, und der Satz ist auch cum grano salis, mit einem Gramm Salz zu verstehen, also nur als fast immer richtig. Aber umgekehrt eben stimmt er nicht: Nicht jede Übertreibung ist wahr. Das aber findet in öffentlichen Diskussionen eben statt: die Übertreibung, um aus seinem (Schein-) Argument mehr Wucht rauszupressen.

Es ist schon eine absurde Angelegenheit, wenn Millionen von Menschen – bevorzugt solche, die keine Kinder haben – von Angst sprechen, weil eine Dreizehnjährige kurz abgehauen war, sich bei einem Freund versteckt hat, und der irrlichternde Propagandasender des Feind des Westens namens Putin daraus eine frei erfundene Lügenstory gemacht hat, mit der er allen Ernstes sogar seinen Außenminister auftrumpfen läßt; eine wirrere Geschichte ist kaum denkbar. Aus einer im Gesamtzusammenhang lächerlich unwichtigen Alltagsgeschichte einer abhauenden Teenagerin wird hier eine solche Pseudostaatsaffäre hochgekünstelt, daß Propagandafachleute auf der ganzen Welt verzückt sein dürften. Daraus nun aber Honig saugen zu wollen für den politischen Diskurs ist nicht redlich.

Ähnlich absurd ist das Bestreben mancher, die realen Probleme, also nicht die eingebildeten und herbeiphantasierten, nicht zu benennen. Der obskure Dünkel, der das ZDF nicht von den Ereignissen in Köln berichten ließ, als die anderen Medien bereits voll damit waren, ist lachhaft falsch gewesen. Oder die verkrampften Versuche der feministischen Pseudosoldateska, diese üblen Ereignisse mit dem Oktoberfest gleichzusetzen, was eine bemerkenswerte Leistung an bösartiger Gleichsetzung dessen, was nicht einmal annähernd gleich ist, darstellt.

Es gibt noch viele andere Wege, die politische Diskussion kaputtzumachen, aber für einen Beitrag waren das genug der Beispiele der Unredlichkeit. Um eine Fortsetzung also kommen wir nicht herum.

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