War da was?

#932 Der 30. Januar 1933 war ein Montag. Die an Kanzlern nicht arme Weimarer Republik bekam einen neuen Kanzler, der ihr ein Ende setzte, die Welt in einen ungeahnt grausamen Krieg stürzte, Menschen maschinell mordete, Kulturen – auch die eigene – vernichtete und selbst keine schuf, kurz: der nahe an das herankam, was man das Böse nennen kann.

Das ist 83 Jahre her und damit beinahe ein Menschenalter. In diesen Jahren erleben wir die Historisierung, also den Übergang dieses Geschehens von der Zeitgeschichte zur Geschichte. Es gibt nur noch wenige Menschen, die aus eigener Erinnerung erzählen können.

Um so wichtiger wäre eine Notiz in der Zeitung. Nicht nur zu den runden Jahrestagen, sondern auch an dieser 83. Wiederkehr des Datums seit jenem Tag, den viele von uns zu kennen glauben, weil sie die Bilder des Fackelzugs rund um die Reichskanzlei zu kennen glauben, oder am Brandenburger Tor. Diese Bilder aber sind gefälscht: Am Abend des 30.1. regnete es, und das mit den Kameras klappte nicht; also stellte Goebbels, der bis heute vieles, was die Menschen über den Nationalsozialismus zu kennen glauben, schuf, den „Fackelmarsch“ der SA um den Häuserblock anderntags wieder nach. Immer wieder marschierten die braunen Horden rund um den Häuserblock, bis die Kameraleute alles im Kasten hatten, was die NS-Propaganda sich wünschte.

Der 30. Januar gilt als das Datum, an dem der Rechtsstaat, die Demokratie und die Freiheit in Deutschland starben – oder, richtiger, an dem dieses Sterben seinen Anfang nahm. Aber die einzelnen Akte wie Reichstagsbrandverordnung oder Gewerkschaftsverbot verteilen sich auf mehrere Tage; auch das Errichten einer Diktatur geht nicht im Handumdrehen. Sie war irgendwann zwischen den ersten unfreien Wahlen im März 1933 und der Vereinigung der Ämter des Kanzlers mit dem des Präsidenten und der Vereidigung der Reichswehr am 2. August 1934 („Wehrmacht“ hieß sie erst ab 1935) auf Hitler fertiggestellt; dies kann man jeweils mit guten Gründen so oder so sehen. Aber der 30. Januar ist der Tag, an dem die Reise in den Abgrund begann.

Heute lesen wir viel über die Sorgen der Menschen davor, daß etwas Vergleichbares heute wieder geschehen könnte. Es sei ihnen gesagt: Wer das glaubt, überschätzt die Gefahrenlage der Gegenwart immens und unterschätzt das, was war, auf letztlich törichte Art und Weise. Eine gesellschaftliche Abwehrbereitschaft gegen Nationalsozialismus ist dringend erforderlich. Wer aber jeden Rechtspopulisten von der geistigen Schlichtheit eines Höcke mit den Namen von 1933 quasi in eine vergleichbare Stufe der Gefahr für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat stellt, der hat nicht wirklich verstanden, wie gefährlich die Nationalsozialisten waren. Ein Höcke wird in einem Standardgeschichtswerk in, sagen wir, 100 Jahren nicht einmal eine Fußnote abgeben. Er ist ohne jede Bedeutung. Wahrscheinlich wird nicht einmal die AfD eine Fußnote abgeben; sie ist zu kurzlebig, zu unwichtig. Aber durch jene, die simple Populisten für quasi gleich gefährlich halten wie viehische Mordbrenner, wird eine letztlich auch unglaubwürdige Stimmung eines Daueralarms geschaffen. Es droht dadurch ein wenig die Gefahr, daß man wie im Märchen dem Jungen nicht mehr glaubt, der dauernd „Hilfe! Ein Wolf!“ ruft – auch wenn er dann einmal die Wahrheit sagt.

Die geistig-politische Auseinandersetzung mit den Helden der schlichten Denkungsart vom populistischen Lager ist zu führen. Gut auch, daß Julia Klöckner sich in der anstehenden Fernsehrunde mit ihnen abgibt. Die jetzige rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin muß das noch lernen, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Falsch aber ist es und unerträglich verharmlosend, wenn die verängstigten und verklemmten Spießer aus der Führungsriege der AfD auf die gleiche Stufe gestellt werden mit jenen, die Europa ins Elend stürzten.

Nicht jeder politische Gegner ist ein Nazi. Auch das muß man lernen. Nazis sind zu benennen und es ist ihnen zu wehren. „Schlagt sie, wo ihr sie trefft!“, lautete ein alter Kampfspruch gegen sie (übrigens von der KPD, deren Mitglieder 1933 in geschlossenen Ortsverbänden zur NSDAP übertraten). Aber dort, wo man nur irgendwelche Schimären wittert, soll man Maß halten.

Es schwächt die Wehrhaftigkeit unserer res publica gegen die Nationalsozialisten, wenn wir überall welche sehen und in Panik verfallen, und es dann meist keine sind. Alarmismus tötet Wachsamkeit. Gegen diejenigen aber, die dort stehen, wo moralische Verkommenheit zur verbrecherischen Haltung Nationalsozialismus führt, müssen die Bürger konzentriert und wachsam bleiben, um jegliche Urstände auszuschließen.

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