Bedingungslose Kapitulation?

#929 Nackte Frauen, Trinkgelage, nackte Männer, Vergnügungen nicht nur der sittsamen Art: Ja, das ist in der Kunst der Abendlands, in unserer Kunst, seit tausenden von Jahren ein fester Topos. Das hier zu sehende Bild stammt aus einer Villa in Herculaneum, die beim Vulkanausbruch des Pompeji vor 1937 Jahren verschüttet wurde, und sie ist nicht frei von Lust am Leben, ja: sie zeigt genau diese.

Die Italiener sind sich dieser ihrer Vergangenheit bewußt. Nicht nur, daß sie heute wie vor 2.000 Jahren „SPQR“ an vielen Dingen des Alltags verwenden. Italien ist ein Hort dieser Schönheit, sei es der (nackte) David von Michelangelo in Florenz oder eine (meist nackte) Venus, sei es die Schönheit an der Decke in der Sixtinische Kapelle (mit einiger Nacktheit).

In der Kunst, im Lebensgefühl gehört das bei uns dazu. Es ist ein Aspekt unter vielen anderen. Und ja, es gehört auch dazu, daß sich Menschen zurecht machen, daß sie sich schön zu machen sich bemühen. Gut, das gelingt nicht jedem und immer, aber darum soll es hier nicht gehen. Wichtig ist, daß wir ein Leben leben, in dem diese Schönheit nicht nur geduldet wird, sondern erwünscht ist. Schönheit bereichert das Leben. Wer schon einmal festgestellt hat, daß es schöner sein kann, über die Wiener Ringstraße zu gehen als über die – real existierende! – „Straße Nr. 13“ in Berlin-Hohenschönhausen, der wird dem zustimmen.

Und natürlich wissen wir um unsere Art zu leben. Wir betrachten es nicht als Zufall und sind nicht bereit, das aufzugeben. Manche von uns sind aber so etwas von unterwürfig, substanzlos, unwissend, frei von jedem Selbstbewußtsein, daß sie nichts besseres zu tun haben, als unsere Art zu leben bei erster sich bietender Gelegenheit mit einem Tritt auf den Müll zu befördern.

So ist es gestern in Rom geschehen. Der iranische Präsident kam, Rohani mit Namen. Rohani ist ein Gefolgsmann des Ayatollah Chomeini schon vor Beginn des unmenschlichen Horrorregimes, das unter dem Namen „Islamische Revolution“ dieses Land ins Dunkel gebracht hat. Im Iran wurde Menschen, die das dortige Verständnis von Islam nicht zu leben bereit waren, mit Traktoren gevierteilt. Der Herr dieses mörderischen Regimes, das Menschen wegen nichts und wieder nichts umbringt, ist Hasan Rohani. Und eben jener Rohani, von irgendwelchen Ahnungslosen als „moderat“ beschrieben, erträgt es anscheinend nicht, eine nackte Brust in Form einer Statue zu sehen. Und was also machen die Römer? Sie verhüllen. Sie bauen tatsächlich, das ist kein Scherz, eckige Sichtblenden um Statuen herum, die Rohani sehen könnte.

Es ist nichts dagegen zu sagen, einen Gast freundlich zu begrüßen. Ob das ausgerechnet dieser Herr sein muß, der in Syrien den Schlächter Assad unterstützt und die Kurden mordet, was das Zeug hält – der übrigens die Handvoll Juden, die es im Iran noch gibt, drangsaliert, und die etwas mehr Christen, die es dort noch aushalten, unterdrückt, verfolgt, einsperrt und ermordet –, das haben diese Menschen selbst zu wissen und zu rechtfertigen; das soll hier nicht Thema sein.

Aber daß man das Ich verleugnet, daß man die eigene Art und Weise zu leben schamhaft verhüllt, daß man diesem Mörder, Frauenschinder und Diktator in seinem perversen Willen so weit entgegenkommt, ist nicht nur widerlich; es ist schlimm.

Was kommt als nächstes? Wollen die Römer vielleicht ein paar Schwule an Baukränen aufknüpfen, damit sich der Herr wie daheim fühlt?

 

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