Das müssen Sie gesehen haben! Da müssen Sie dabei sein!

#919 Eines ist der geübte Zeitungsleser meist nicht, wenn er in Nürnberg wohnt: überrascht. Man kann NN oder NZ kritisieren oder mögen, aber eines bleibt doch wahr: beide Blätter haben je ihre eigene Linie, die sie recht stringent beibehalten, und wer, mit den neuesten Nachrichten versorgt, abends ins Bette steigt, kann sich, ins Traumland hinüber gleitend, durchaus schon ausmalen, wie anderntags diese oder jene Meldung gebracht werden dürfte, und liegt meistens nicht ganz falsch.

Heute aber ist der NN eine wirkliche Überraschung gelungen. Vielleicht ist es so, daß man an den Verkaufserfolg des Kinderüberraschungseies  (alter Werbespruch: „Spiel. Spannung. Schokolade.“) anknüpfen und immerhin zwei dieser drei Versprechen wahrmachen will.

Was ist passiert? Die NN befleißigen sich, auf dem größten Teil der Seite 3, die der Hintergrundberichterstattung vorbehalten ist, über Markus Söder als kommenden Ministerpräsidenten zu unterrichten. Nun soll man nicht glauben, daß dies ohne Spitzen erfolgt, iwo, aber der Beitrag ist sehr wohl in jenem Sinne gut journalistisch, als er vieles von dem, was über Markus Söder an Meinung so existiert, schildert. Eben nicht nur voller Häme und Überheblichkeit abmeiern, sondern eben auch einige der Eigenschaften und Qualitäten herausstellend, die dem Leser imponieren könnten.

Nun ist freilich klar, daß auch dieser NN-Beitrag keineswegs aus einer CSU-Feder (oder besser: Tastatur) stammt. Aber das ist auch nicht die Aufgabe einer Tageszeitung. Diese ist „all the news that’s fit to print“: nicht nur die, die man meinungsmäßig seitens der Redaktion mag, sondern auch die, die dem einen oder anderen in der Redaktion vielleicht persönlich nicht so gut gefallen.

Der Artikel bringt auch sachliche Erkenntnisse, die vom Endesunterfertigten dieses Blogs für nichts als richtig gehalten werden. Zum Beispiel: „Es gehört zu den Absurditäten der deutschen Politik, dass Ehrgeiz, Machtbewusstsein und Machtwille zwingend für den Aufstieg sind, aber als verdächtig gilt, wer sich dazu bekennt“. Das ist richtig.

Freilich, die NN schreibt so einen Satz vielleicht lieber bei einem Politiker von der einen Partei (und nicht so gerne bei einem von der anderen). Aber nun wollen wir den guten journalistischen Ansatz nicht dadurch gleich wieder kaputt trampeln, indem wir sagen, daß da noch mehr an guter Arbeit kommen sollte.

Ein alter Berliner Redewendung hieß „Nachtigall, ick hör‘ dir trapsen“. Nun kann man freilich vermuten, daß es irgendwelche Motive gibt, um das nicht immer gänzlich harmonische Verhältnis zwischen NN und MS ein wenig sachlicher zu gestalten – aber bitte, derlei tun wir nicht, denn das gehört in den Bereich der Filibusterei, und derer wollen wir uns hier und jetzt nicht schuldig machen.

Wie dem auch immer sei: Die NN hat heute überrascht, und das ist doch einer Würdigung wert. Aber es gibt noch einen weiteren, durchaus beachtlichen Hintergrund. Hier wurden bereits gestern die aktuellen Zahlen von Infratest dimap beleuchtet – nicht nur, daß die CSU in der Antwort auf die Sonntagsfrage in alter Stärke glänzt, sondern auch, daß unter denen, die als Nachfolger Seehofers gesehen werden, einer im Verhältnis so dasteht wie die CSU zu den anderen Parteien: Man braucht die anderen, gewiß, aber die Nummer 1 ist die Nummer 1. So, wie dieser Satz in Bezug auf die CSU und die anderen Parteien gilt, so gilt er in Bezug auf Markus Söder und die anderen, aus welchen Gründen auch immer, als potentielle Nachfolger gehandelten Kandidaten.

Dieser Umstand ist so evident, daß er im Artikel nur noch als Lokalkolorit für die Tölzer Verhältnisse dient, aber nur nach als längst gegebene Tatsache, die lediglich noch ausgeführt werden muß. Und das, liebe NN, ist auch der hier gewonnene Eindruck. Dieser Blog und Ihr Blatt stimmen ja nicht wirklich immer restlos überein, aber wenn etwas sanft zu loben ist, dann soll dies auch geschehen. Jedenfalls von meiner Seite.

 

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