Sie sind, mit Verlaub, ein Schwätzer

#916 Der Herr auf dem Bild ist Jakob Augstein. Herr Augstein ist ein schwerreicher Mann, der sich als eine Art Lautsprecher das ihm dienende Blatt „der freitag“ hält und auf spiegel.de eine Kolumne unterhält, die sich „im Zweifel links“ nennt – was den meisten Lesern als eine kabarettreife Untertreibung vorkommen dürfte. Herr Augstein, der auch durch Antisemitismen unangenehm aufgefallen ist, hat sich in der öffentliche Debatte nach den Ereignissen von Köln und anderswo zu Wort gemeldet. Und was er zu sagen hat, dieser Herr des öden Wortes, ist in der Tat mehr als erstaunlich.

Er mokiert sich darüber, daß die Ereignisse als „gräßlich“ bezeichnet wurden: „Als seien in Köln Frauen verspeist, nicht beraubt und bedrängt worden“. Für Herrn Augstein, Jakob, Haltenzugnaden, fängt „gräßlich“ also erst bei Kannibalismus an? Das ist auch ein Standpunkt; allerdings keiner, der das müde Herz wärmt.

Herr Augstein sieht Dinge, die sonst niemand sieht: „Es sind nicht die notgeilen Muslime, die wir fürchten müssen. Sondern uns selbst.“ Eine der dreisten Lügen dieses Satzes ist die Unterstellung, daß diejenigen, die „Köln“ verurteilen, angeblich behaupten würden, dies seien Muslime. Es mag schon sein, daß die Täter Nenn-Muslime sind, aber das ist völlig unerheblich. Sie mögen auch Rechtshänder sein, und auch das ist wurscht. Sie sind geprägt von einer überkommenen, kulturellen Prägung, die mit männlichen Unterlegenheitsgefühlen und Allmachtsphantasien zu tun hat, und diese ist nicht religiös geprägt – und das behauptet auch niemand, der in der Öffentlichkeit eine ernstzunehmende Stimme erhebt.

Aber lesen wir weiter, was Jakob Augstein schreibt: „Das Interesse an Gesetzen, die Frauen wirksam vor männlicher Zudringlichkeit schützen, ist nur dann groß, wenn es um die Zudringlichkeit von Ausländern geht. ‚Unsere‘ Frauen missbrauchen wir bitte selbst. So sieht es aus, wenn Sexismus und Rassismus sich treffen.“

Herr Augstein also schafft es, die Verbrechen von Köln denen vorzuwerfen, die sie kritisieren. Er selbst findet sie nicht gräßlich. Seiner Meinung nach ist das eh leicht zu lösen: „Wer aus ‚Köln‘ etwas lernen will, könnte hier ansetzen: bei der örtlichen Polizei und bei unsinnigen Einwanderungsregeln“.

Nun also haben wir’s: Die „unsinnigen Einwanderungsregeln“ seien das eigentliche Problem. Die Herren „Herrenmänner“ von Köln, die stahlen, raubten und Frauen mißbrauchten, konnten gar nicht anders – die deutschen Einwanderungsregeln ließen ihnen quasi keine andere Wahl… Eine heftigere Entgleisung in diesem Diskurs ward selten vernommen.

Was glaubt er eigentlich? Daß es zu „Köln“ nicht gekommen wäre, wenn jeder Einreisende gleich einen unbefristeten Aufenthaltstitel bekommt? Mit Verlaub: Es gibt eine Zumutbarkeitsgrenze von Unsinn.

Freilich, wir müssen mit den Meinungen auch eines Jakob Augstein leben. Die Meinungsfreiheit hört nicht dort auf, wo Absurdes verlautbart wird. Insofern soll Herr Augstein schreiben, was er schreiben mag – so lange er die Gesetze achtet. Aber dann wird er auch damit leben müssen, daß ihm geantwortet wird. Und daß man ihn nennt, wozu ihn solch unsägliche Sätze machen: einen Schwätzer.

 

Zum Beitrag dieses Herrn: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/koeln-wenn-sexismus-und-rassismus-sich-treffen-kolumne-a-1071403.html

 

„Jakob Augstein 001“ by Das Blaue Sofa / Club Bertelsmann. Licensed under CC BY 2.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jakob_Augstein_001.jpg#/media/File:Jakob_Augstein_001.jpg

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