Oktoberfest

#915 Nun schlägt sie wieder, die Stunde der Verharmloser, nun feiern die Relativierer wieder fröhlich Urständ, nun erklären sie wieder die Welt, jene Meinungsritter von der schwächlichen Gestalt. Und dabei fördern sie so manches zutage, was der öffentlichen Erörterung lohnt.

So behauptet eine Berliner Gender-Fachfrau namens Margarete Stokowski, 29, daß die Deutschen, wir Deutschen, insbesondere wir deutschen Männer deswegen besonders wütend über die Vorfälle von Köln, Bielefeld und vielen anderen Orten seien, weil wir uns vorbehalten wollen, unsere Frauen selbst sexuell zu belästigen – beispielsweise am Oktoberfest.

Nun liegt der Verdacht nahe, daß es sich bei einer „Gender-Fachfrau“ grundsätzlich um ein eher den Freuden des Lebens gegenüber ablehnend eingestelltes Wesen handelt, also: daß sie vom Oktoberfest nicht allzu viel Ahnung hat. Aber das alleine, bitteschön, wäre ja gar nicht so schlimm. Das haben nämlich viele nicht, ohne daß es die anderen im Alltag stören würde. Aber zugleich zeigt diese Zeitgenossin, daß sie auch von „Gender“, also etwa: Geschlechtsfragen, nicht die Andeutung eines Schimmers einer Ahnung hat. Ein deutliches Urteil, selbst für diesen an deutlicher Sprache selten Wünsche offen lassenden Blog. Wie kommt’s? Es kommt daher, weil dieser perfide Vergleich im Kern keine andere Botschaft enthält als diese: „Die Frauen sind doch selber schuld. Die Täter konnten gar nicht anders.“

Zum einen ist das Oktoberfest ein Ort, an dem durchaus auch das uralte Spiel zwischen Mann und Frau gespielt wird. Und zwar freiwillig. Das hat mit dem Platz vor dem Kölner Hauptbahnhof nicht allzu viel zu tun. Der ist so etwas von öde, daß da alle möglichen Gedanken aufkommen können – solche aber nicht. Das hat damit zu tun, daß auf dem Oktoberfest die Menschen übereinkommen, daß sie gemeinsam feiern. Das hat nichts mit der Situation zu tun, die in Köln von den Tätern geschaffen wurde.

Es mag vereinzelt Fälle von sexueller Gewalt rund ums Oktoberfest geben. Aber das hat nichts, nichts, nichts zu tun mit dem zu tun, was jetzt passiert ist und die Bezeichnung „taharrush gamea“ hat. Hier handelt es sich um die dunkle Stunde eines enthemmten Pöbels, der raubt, schlägt, begrapscht und befummelt, sich zum Herren des öffentlichen Raums aufschwingt, andere sich billigst zunutze machen will, demütigt, vorübergehend einer Sklavin gleich behandelt. Nichts davon hat etwas mit dem zu tun, was freilich als Geschehen auch auf Volksfesten vorkommt, und hier wäre schon längst Grund genug, die Gleichsetzung sein zu lassen. Aber der wichtigste Unterscheid ist ein anderer, er wurde schon versteckt genannt im Wort „Pöbel“: Es handelt sich hierbei eben nicht um das Delikt eines einzelnen Menschen, sondern um das Delikt einer Gruppe, einer Art krimineller Vereinigung auf Zeit. Und eben dies ist, was neu ist, was erschreckend ist, was schlimm ist.

Und derlei, Frau Zeitgenossin Gender-Fachfrau, hat eben nichts mit dem zu tun, was es immer wieder gibt und was, aus gesellschaftlicher Sicht, auch der Preis von Freiheit an die Natur des Menschen ist. Aber diese elende Erscheinung „taharrush gamea“ ist etwas ganz anderes, und darauf müssen Staat, Justiz und Polizei eine Antwort finden, die diese Erscheinung beseitigt. Für Sie mag es das gleiche sein, ob eine Frau als Mensch auf den Kairoer Tahrir-Platz geht und als zerstörtes Wesen herauskommt, ob eine junge Frau die Kölner Domplatte betritt und als Opfer eines Mobs, schwer beschädigt an Leib und Seele wieder verläßt – einerseits – oder ob es sich am Oktoberfest freiwillig Flirtversuche gefallen läßt.

Man sieht vielleicht auch klarer, um welch widerwärtiges Geschehen es sich bei „taharrush gamea“ handelt, wenn man statt der sexuellen Gewalt lediglich von Gewalt spräche: ein organisierter Pöbel verabredet sich über’s Internet – das weiß man inzwischen –, und übt kollektiv Gewalt gegen Einzelne aus. Schon das sind Zustände, die ein Gemeinwesen nicht ertragen darf, will es seine primäre Aufgabe, nämlich das friedliche Zusammenleben der Menschen, wahrnehmen und erfüllen. Es ist auch nicht wirklich klar, warum die Wegnahme von Mobiltelefonen hier als Trickdiebstahl bezeichnet wird; in vielen Fällen dürfte es sich doch um die Erzwungene Duldung der Wegnahme und damit um räuberische Erpressung – und ergo um ein völlig anderes Strafmaß – handeln.

Es überrascht nicht, daß die Dauerplapperer wie etwa die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, einer der von ihren Wählern wohl wirklich überschätzten Personen, erst nach einer Woche das erste Mal etwas zu dem Thema sagt; sonst kann sie gar nicht schnell genug nach dem Motto „Ich! Ich! Ich!“ ihre Stimme erheben. Entscheidend ist auch, was sie nicht sagt: sie nimmt sich nicht in die Pflicht. Um richtig verstanden zu werden: Sie ist nicht daran schuld und hat für das Geschehen an sich keine besondere Verantwortung. Sie muß aber sehen, daß es ihre Blauäugigkeit, ihr „Hoffen statt Denken“ ist, das derlei letztlich begünstigt und einer Bekämpfung dieses Geschehens im Wege steht. Viele Politiker müssen ihre sich nun als gefährliche Illusion erweisende Politik überdenken. In der CSU übrigens nicht: die Äußerungen etwa von Markus Söder, beispielsweise, schon seit langer Zeit weisen in die richtige Richtung zwischen Hilfsbereitschaft und Realitätssinn.

Im übrigen fordere ich, daß unsere Grenzen zu kontrollieren sind.

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