Abendland.

#911 Was ist der Westen? Unter anderem der Ort der Welt, in dem Menschen keine Angst haben müssen. Keine Angst vor einer Polizei, die früh morgens an Türen hämmert und Menschen aufgrund ihres Denkens mitnimmt. Unter anderem der Ort, an dem jeder im Rahmen der Gesetze tun und lassen kann, was er mag. Unter anderem der Ort, in dem nicht zu kurz gekommene Möchtegerne Richter spielen, sondern gut gebildete Menschen im Dienste des Staates – und niemandes sonst – Recht sprechen. Und, nicht zuletzt, der Ort, an dem die Gesellschaft Regeln einhält: wir grüßen. Wir nehmen Rücksicht. Und wir Männer reißen Frauen nicht auf der Straße die Unterwäsche vom Leib.

Dieser Westen, dieses Abendland muß nicht geographisch im Westen liegen; es ist dies eine kulturelle Verortung. Durch die Entwicklungen aber der Gegenwart drohen wir, etwas zu verlieren: unsere Freiheit.

Freiheit braucht Sicherheit. Wo es keine Sicherheit gibt, ist niemand frei. Andererseits gilt auch: Wo die Sicherheit in Repression übergeht, ist der Bürger auch nicht mehr frei. Freiheit ist dann, wenn der Mensch sich im Rahmen der Gesetze frei entfalten kann. Und nicht etwa dann, wenn in der Gesellschaft Gleichgültigkeit herrscht. Freiheit ist dann, wenn Menschen ihr Leben frei führen können, wie es ihnen gefällt – und nicht dann, wenn ein geifernder Mob sie vergewaltigt.

Freiheit ist dann, wenn die Regeln eingehalten wenn, ja: wenn sie durchgesetzt werden.Und eben dies ist immer öfter in Gefahr. Es fängt mit scheinbar kleinen Ereignissen an, aber entwickelt sich dann manchmal rasant in die Sphäre des Bösen hinein.

So berichtet die Lokalzeitung des Öfteren von ertappten Ladendieben, die den sie ertappenden Detektiv angreifen. Die entsprechenden Meldungen häufen sich.

So zeigt die Lebenserfahrung, daß die U-Bahn selbst in einer braven Stadt wie Nürnberg zu manchen Zeiten ein Ort ist, in dem der normale Bürger nur noch geduldet wird, wenn er wegsieht: Gerne würde man den Bürgermeister Vogel einladen, einmal am Samstagabend von Fürth nach Nürnberg zu fahren und zu sehen, was sich hier alles abspielt. Aber ob Bürgermeister abends noch nach Fürth dürfen?

Jedoch: Es ist nicht richtig, bei diesen Themen Witze zu machen. Wenn diese Freiheit in Gefahr gerät, dann sind äußerste gesellschaftliche Anstrengungen nötig, um sie wieder zu sichern. Die Polizei muß kommen können, wenn sie wegen eines gegen die persönliche Freiheit und Selbstbestimmung gerichteten Tat, und sei sie klein, gerufen wird. Es ist wohl auch festzustellen, daß ihnen nicht mehr der hinreichende Respekt entgegengebracht wird.

Die Rede ist nicht von einer Angst, wie sie in repressiven System gegenüber den Vertreter des Staates greift und bewußt geschürt wird; die Rede ist von einem Respekt, der etwas mit Kants kategorischem Imperativ zu tun hat, der in lässiger Formulierung immer noch heißt: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem ander’n zu“.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Toleranz durch Gleichgültigkeit verdrängt wird. Und so wichtig die Toleranz ist, so gefährlich ist die Gleichgültigkeit.

Einer der häufigen Antworten, die ein Regelstörer auf Vorhalt gibt, lautet: „Was geht dich das an?“, und die richtige Antwort ist: Alles. In meiner Stadt geht es mich etwas an, ob jemand andere in ihren Rechten verletzt. Und hier ist der Bürger gefragt: nicht als Hilfspolizist oder Schnellrichter qua eigener Gnade, also Anmaßung, sondern als erkennbare Stimme im öffentlichen Raum, die Grenzen aufzeigt, wo diese nötig sind. Es darf kein Klima herrschen, bei dem derlei wie in Köln, Stuttgart, Hamburg… passiert, sondern es muß gleich klar werden, bei den ersten Sprüchen, daß wir solches Verhalten nicht dulden. Und daß wir solche Verbrecher nicht bei uns dulden, muß auch klar sein. Wir haben keine einfachen Maßnahmen gegen diese Menschen.

Natürlich sind sie gestresst, vielleicht traumatisiert, sie mögen einsam sein und arm, fremd, am Rande der Gesellschaft. Na und?

Wir sind die Gesellschaft, die ihnen Obdach und Sicherheit gibt, und so verdanken es uns manche? Das dürfen wir nicht hinnehmen, das dürfen wir nicht dulden. Wer sich so verhält, der kann bei uns keine Aufnahme finden. Wir sind nicht bereit, unsere Kultur – und ja, dazu gehören in der Tat auch die Rechte von Frauen! – einem Pöbel zu opfern, der diese Rechte im Sinne des Wortes mit Füßen tritt.

Wir haben kein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem nötig, das derlei kaschiert statt darauf in gebotener Weise aufmerksam zu machen. Wir bedürfen einer Polizei, die derlei unterbindet und im Ernstfalle ordentlich ermittelt und nicht nach bald einer Woche öffentlich eingesteht, daß sie sich beim Auswerten von Überwachungsvideos schwer tut. Uns wird hier – noch ganz sachte – vor Augen geführt, wo es hingeht, wenn wir so weitermachen.

Vor den Gefahren blind, bemäntelnd, verharmlosend, ignorierend: Das war schon immer der Weg hinab.

Nachbemerkung: Dieser Artikel, der 911te dieses Blogs, sollte 9/11, also den 11.09.2001, thematisieren. Die aktuellen Ereignisse aber ging vor. Bei Licht betrachtet aber geht es um Ähnliches.

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