Die Meinungsmaschine

#909 Eine Zeitung ist eine Zeitung ist eine Zeitung – sollte man meinen dürfen. Darf man aber nicht, denn in unseren Zeiten ist eine Zeitung etwas anderes. Aber was?

Beginnen wir mit der Analyse dessen, was ist. Für eine Zeitung maßgeblich dürfte der Satz sein, der seit dem 19. Jahrhundert über der New York Times prangt: „All the news that’s fit to print“, also etwa: „Alle Nachrichten, die es wert sind, gedruckt zu werden“.

Hinzu kommt noch der Leitspruch des einstigen Tagesthemen-Moderators Hanns-Joachim Friedrichs, das er selbst so sagte: „Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein“.

Beim Lesen – und gar erst beim täglichen Lesen! – der beiden im Pressehaus erscheinenden Zeitungen stellt man fest, daß dort beide Ansprüche nicht so erfüllt werden, wie es richtig wäre.

Man scheint sich dort nicht mit der Aufgabe begnügen zu wollen, die Leser darüber zu informieren, worüber sie nachdenken sollen, sondern den Anspruch zu erheben, dem Leser gleichzeitig zu sagen, was er denken soll.

Die Klarheit dessen, was eine Nachricht sein kann und was eine boulevardeske Entstellung derselben ist, kann man heute auf S. 17 der NN lesen: „Mädchen stirbt durch Ampelmast“. Natürlich war es nicht der Ampelmast, sondern ein Autofahrer, der den Ampelmast umfuhr, wodurch das Kind erschlagen wurde. Ist eine solche Überschrift richtig? Ist sie angemessen? Wohl kaum.

Auf S. 7 derselben Zeitung steht „Lammert: Extreme Meinungen aushalten“, während unmittelbar daneben über dem nächsten Artikel der Satz steht“CSU: Extreme Meinungen löschen“. Hier macht die NN wieder einmal das, was sie am liebsten macht: Sie mausert sich vom Berichterstatter zum eigenen Akteur. Sie stellt zwei Titel mit einander bekämpfenden Aussagen nebeneinander und tut auf diese Weise – natürlich absichtlich – so, als ob es einen inhaltlichen Gegensatz nach dem anderen zwischen CSU und CDU gäbe, was nicht der Fall ist.

Während sich nämlich der Bundestagspräsident mit Meinungen inhaltlicher Art von AfD und anderen auseinandersetzte, die er als im Wege der Demokratie zu beantworten klassifizierte, hat sich die CSU zu etwas ganz anderem geäußert, nämlich zu rassistischen Beleidigungen, Bedrohungen, zu Volksverhetzungen.

Es steht zu bezweifeln, daß die Zeitung ein eigener Akteur sein soll. Zum einen gibt es davon bereits genügend. Blätter wie die Frankfurter Rundschau kann man, bei Licht betrachtet, nur noch mit der erhobenen Faust lesen; die Süddeutsche Zeitung macht besonders dann viel Vergnügen, wenn man Heribert Prantl für die fleischgewordene Inkarnation des Heiligen Weltkaisers hält und ihm, der dem Savonarola gleicht, in die Abgründe des Meinungsdiktators folgt.

Die Zeitung ist oft befleißigt, dem Leser nicht mehr die Information als solche zu bringen, sondern in einem Spiel ohne Gewinner dem Leser nur die eine, von der Redaktion für richtig gehaltene Lesart mitzuliefern, auf daß er sie gefälligst übernehme.

Eine demokratische Legitimation für dieses Herumfuhrwerken in den Köpfen der Menschen freilich hat die Zeitung nicht. Ihr Anspruch auf Meinungsführerschaft ist in etwa so gut begründet wie der des Ochsen an der Fleischbrücke; nur daß der keine hat: eine Meinung.

Es war doch die Hoffnung, die bekanntlich nicht umzubringen ist, daß man zur sachlichen, zur richtigen Zeitungsarbeit zurückkehren würde und die Arbeiten, die doch wohl einer bei einer PR-Agentur gut aufgehoben wären, bleiben ließe; das neue Jahr hätte dazu Anlaß geboten. Das scheint nicht der Fall zu sein. Das Umfeld für Zeitungen ist unbestritten schwer; sie haben sich in einem Markt zu behaupten, der nicht nur schrumpft, sondern sich aufzulösen scheint. Während jeder Todesfall identisch ist mit einer Abonnement-Kündigung, wachsen unter den jungen Menschen nur wenige Zeitungsleser heran.

Ob aber das geeignete Mittel gegen solche Zeitläufte darin besteht, die Leser nicht zu achten, sondern ihnen vorzukauen – und sie damit zu verachten –, was sie denken sollen? Wohl kaum. Und für das Klima der Meinungsfreiheit in einem Staat mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung ist das nicht förderlich.

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