Wozu ein Vertrag?

#907 Der Demokrat an und für sich muß eines können: Dem anderen seine Meinung lassen. „Lassen“ heißt aber nicht, daß man einfach schulterzuckend weitergeht, wenn einer etwas meint, sagt oder glaubt. Natürlich darf auch der Demokrat der Meinung sein, daß seine eigene Meinung toll ist und die der anderen etwas verbesserungswürdig.

Was er aber nicht tun soll, ist, sich selbst für die bessere Art Mensch zu halten, weil man dieser Meinung ist und nicht jener Meinung anhängt. Und man soll auch stets die Sache selbst bewerten – nicht aber anhand des Absenders eines Vorschlags meinen, daß das nicht nötig sei. Oder, um es dichterisch zu sagen: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, ist eine Formulierung von Christian Morgenstern, aber der war im Hauptberuf ein Dichter, der ein allzu simples Verhalten kritisierte – und kein Journalist, der eben solches tut.

Wovon ist die Rede? Alexander Jungkunz, stellvertretender Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, beliebt tin seinem gestrigen Kommentar auf Seite 2 die CSU durch den Kakao zu ziehen, weil sie mit den Zuwanderern jeweils individuelle Integrationsvereinbarungen treffen will. Er tut dies als auf den ersten Blick zwar sinnvoll, aber als auf den zweiten Blick sinnlos ab, weil diese Verpflichtung faktisch bereits bestünde.

Hier hat, wie man feststellen darf, der Herr stellvertretende Chefredakteur an gleich zwei Stellen die politische und zugleich reale Wirkungsweise einer solchen Forderung nicht gesehen, wohl nicht sehen wollen.

Zunächst und vorab ist klarzustellen: Ja, es gibt zahlreiche gelungene Beispiel von Integration, und das muß man schon im Hinterkopf behalten. Aber über die muß man nicht wirklich reden; so, wie auch die Nürnberger Nachrichten nicht über jemanden schreiben, der erfolgreich über den Plärrer fährt, wohl aber über jemanden berichten, der in München innerstädtisch mit 140 km/h unterwegs ist („gekachelt“ ist, wie diese Zeitung in peinlicher Gossensprache zu formulieren beliebte, siehe hier).

Wir müssen über die sprechen, die nicht erfolgreich sind im Bemühen um das Ankommen in dieser unserer Gesellschaft – und erst recht über jene, die schon deswegen nicht erfolgreich sind, weil sie hier gar nicht ankommen wollen. Es ist sicher schwierig bis nicht möglich, sie in ihrer Zahl zu erfassen, aber sie in ihrer – negativen – Bedeutung für diese Gesellschaft zu erfassen, ist wichtig und notwendig. Dies hat auch damit zu tun, daß manche gar keinen Grund haben oder sehen, hier wirklich anzukommen. Sie spielen hier ihr Herkunftsland weiter. Es gibt hier Männer, die ihre Frau nicht neben sich, sondern nur hinter sich gehen lassen. Es gibt Menschen, die kein Deutsch lernen, weil sie es nicht brauchen: sie haben mit Deutschen nichts zu tun. Da ist etwas falsch, und zwar ist da etwas von Anfang an falsch gelaufen. Es fehlt der Wille, den beispielsweise in den USA oder in Australien beinahe jeder Zuwanderer hat: Teil der neuen Gesellschaft zu werden.

In Deutschland scheint es nicht in diesem Maße erstrebenswert zu sein, ein richtiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Warum ist das so?

In den anderen Ländern ist dieser Wille Teil dessen, was conditio sine qua non für die Zuwanderung ist. Bei uns aber wird dagegen leitkommentiert, wenn derlei Forderung erhoben wird und das ganze als nicht weiter wichtiges Ritual einer absonderlichen Eingeborenenpartei abgetan.

Nicht ist falscher als das. Wir sehen doch, wohin jene kommen, die mit einem läppischen „paßd scho“ versuchen, diese Probleme in den Griff zu kriegen. Und dann wenden sie den dem Menschen eigenen Prozeß an: Erst wird geleugnet, daß es dieses Problem überhaupt gibt. Wenn es nicht mehr geleugnet werden kann, dann wird es kleingeredet. Und so kommt man dann über viele einzelne Schritte zum Ergebnis, daß man es doch akzeptieren muß. Und eben dies ist hier der Fall.

Denen, die sich gleich gut eingliedern wollen, tut eine solche Vereinbarung nichts schlechtes. Und bei jenen, die anfangs glauben, sie können hier weitermachen wie gehabt und am besten noch ihre Probleme von dort hier weiterhin ausleben, kann eine solche Vereinbarung vielleicht doch etwas bringen; vor allem aber: sie schafft einen Geist der Förderung und Forderung, sie fordert eben jenes Willen und Wollen ein und macht es zur Grundlage von Zuwanderung, das die Eingliederungswilligen leichterhand erfüllen können, das aber den schwierigen Fällen Probleme bereitet. Eben dies aber ist und muß die Bestrebung aller sein: Den Geist des Miteinanders, freilich nach unseren Maßstäben, zu fördern, und dem Geist des Gegeneinanders eine Absage zu erteilen. Wenn nämlich die Sanktionen, die es heute schon gibt, greifen – dann ist es längst zu spät. Dann ist der Fehler schon passiert. Und eben dies übersieht Alexander Jungkunz in seinem Kommentar: Die Sanktion folgt hinterher und ist nur eine oft hilflose Reaktion auf ein bereits erfolgtes Versagen. Eine eingegangene Verpflichtung aber steht vorne, steht am Anfang, schafft eine Atmosphäre des Annehmens unseres Landes, unserer Kultur, und ist deswegen nicht nur richtig, sondern wichtig.

 

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