Aecht fränkisch

#908 Der Franke als solcher ist ein besonderer Menschenschlag. Vor vielen Jahren, im letzten Jahrtausend war’s, bog die Mutter des Verfassers mit zwei schweren Tüten, auf denen Weiß auf Blau das Logo des damals allüberall präsenten „EWS“-Supermarktes prangte, in familienfürsorgerischer Pflichterfüllung um die Ecke in unsere Straße, als ein Nachbar sich staunend vor sie stellte, artig seinen Hut lüpfte und einem Satz Schall verlieh, der nur so troff von Grübelei und Denkertum: „Grüß Gott, Frau Freud. Ach, warn’S gwiß einkaufen?“

Auch wer die Franken schätzt und mag, wird zugeben, daß derlei gerade in Franken durchaus vorkommt. Nicht etwa deswegen, weil hier etwa mehr als anderswo zum simplifizierten Denken neigen würden – nein, iwo, das ist nicht der Fall. Aber derlei ist Ausdruck des fränkischen Pessimismus. Der kommt beispielsweise zum Ausdruck, wenn der Franke ein Mohnbrötchen haben will. Überall auf der Welt fragt der Kunde: „Haben Sie noch Mohnbrötchen?“ In Franken aber fragt der normale, fränkische Pessimist: „Gell, Mohnbrötla ham’S kane mehr?“; der fränkische Optimist schiebt vielleicht noch ein hoffnungsbibberndes „oder?“ hinterher, aber nur nach einer angemessenen Kunstpause, als schäme er sich für diesen Ausdruck von Unbekümmertheit.

Denn daß der Franke an und für sich dazu neigt, bekümmert zu sein, wurde mir heute – am 30.12. – wieder einmal vor Augen geführt. Die Szene spielt in einem mittelgroßen Supermarkt im Norden der Stadt. Ein Ehepaar, so um die 50, steht etwas weiter hinten in der Schlange an der Kasse. Neben ihnen türmt sich ein Ungetüm von Kiste, und in dieser Kiste ist: Feuerwerk.

Die Frau sucht und schaut und wühlt und guckt, und am Ende zieht sie ein großes Paket heraus und zeigt es strahlend ihrem Mann.Der schaut sie zweifelnd an und meint dann zögerlich: „Für morgen, oder?“

Eine klügere Frage ward selten gestellt.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, welche Antwort ihm seine holde Gattin gab, denn sie sprach leise, aber es zischte recht unanständig. Dieser wackere Zeitgenosse jedenfalls hat den symbolischen Preis „Das Schäufele 2015“ redlich verdient.

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