Und täglich…

#906 Das Jahr neigt sich, und der Mensch blickt nicht nur voraus: auch blickt er zurück. Um das Vorne optimistisch werten zu können, hält er nach hinten hoffnungsvoll Ausschau, um für seinen Optimismus, so er denn welchen hat, kleine, ihn stützende und rechtfertigende Gründe zu finden, die er den Pessimisten freudestrahlend entgegenhalten kann, auf daß die Botschaft laute: „Seht! Es ist doch ganz anders!“.

Eine besondere Gelegenheit bieten dieser Tage die Zeitungen, die sich in Jahresrückblicken überbieten. Erfreulicherweise hat, wie es scheint, die Tendenz ein Ende gefunden, die Jahresrückblicke immer früher erscheinen zu lassen. Wer vor Weihnachten bereits zurückschaut, ja: wer Anfang Dezember bereits Bilanz zieht, wird sich vorhalten lassen müssen, daß seine Bilanzsumme nicht die richtige ist.

Aber nicht nur dies ist ein Gräuel. Auch jenseits von Rückschauen bieten die Zeitungen so manches, und einiges davon ist: unwürdig.

Es gibt verschiedene Arten von Sprachen. Germanisten nehmen, um sie zu kennzeichnen, das altgriechische „glotta“ für Zunge, Sprache (kennt man vom Reiseführer „Polyglott“) und hängen es an ein Wort, das die Menschen, die diese bestimmte Ausprägung von Sprache sprechen, kennzeichnen soll.

Da wäre etwa „Aristoglotta“ oder „Plebsglotta“, „Fachglotta“ oder Babyglotta“. Glauben Sie nicht? Glauben Sie’s; der Autor dieser Zeilen war selbst als Student einst in einem Seminar der Germanisten und hat derlei live und in Farbe von der Hochschullehrkraft vernommen.

Aber welche Sprache sprechen die NN, die Nürnberger Nachrichten? Es gibt einen Verdacht, und der ist zu ergründen. In den NN von heute liest der bange Leser auf der Suche nach ewigen Wahrheiten einen Artikel, in dem es um einen charakterlich etwas weniger zur Teilnahme am Straßenverkehr geeigneten Menschen, der mit seinem hoffnungsvollen Sproß mit 140 km/h durch einen innerstädtischen Tunnel fährt, um ihn darauf vorzubereiten, was dereinst als Mann in diesem Leben wirklich wichtig ist.

Darüber berichtet die Zeitung, und ob es in diesem Umfange erfolgen soll, wäre durchaus zu fragen, wenn nicht angesichts der zwischenjährlich unzureichenden Nachrichtenfülle, wie es scheint, derlei Nichtigkeiten zur Füllung der Seiten vonnöten wären. Obwohl es doch andere und nun realiter wichtigere Nachrichten gäbe, aber es sei der Redaktion unbenommen, auch derlei Nichts zur Meldung aufzublasen.

Aber dann kommt ein Wort. Achtung, Tusch: „Um seinem Sohn den Sound seines Sportwagens zu demonstrieren, ist ein 57-Jähriger mit fast 140 Stundenkilometern durch einen Tunnel im München gekachelt.“

Gekachelt? Gekachelt! Nun ist man ja als Mensch, der diesen Sprachpanschern ausgeliefert ist, so manches gewohnt. Da versteigen sich manche zu einer dermaßen metapherreichen Sprache, daß man sich nur noch zu Stein erstarrt vor ihrem Können verneigen muß. (Ja, man kann sich nicht verneigen, wenn man zu Stein erstarrt ist – eben dies soll ja den Unsinn solcher Wendungen belegen, die im Fortsetzungsgroschenroman ihre Daseinsberechtigung haben; in anderen Fällen ist dies zumindest fraglich).

Man stelle sich vor, eine Zeitung mit dem Ruf etwa einer Neuen Zürcher Zeitung würde derlei bringen, vielleicht noch in schweyzerisch-voralpenländischem Dummejungensprech. Das ist nicht wirklich vorstellbar. Aber bei uns, in der Provinz der sandsteinbergigen Noris, scheint derlei Sprachdilettantismus als so großartig und jugendlich-frisch empfunden zu werden, daß ihn nach der NN auch die NZ brachte, wenn auch nicht gleich auf Seite 1 wie die große Schwester.

Es ist stets peinlich, wenn ergraute Damen und Herren glauben, durch ein buntes Hawaii-Hemd oder einen extra schnittigen Helm auf dem Sicherheitsfahrrad bei der Jugend anzukommen. Derlei funktioniert nur im Film, und auch hier nur bei den besonders schlechten.

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