Theorie und Wirklichkeit

#902 Es gibt gefühlte Wahrheit und wirkliche Wahrheit. Zu den gefühlten Wahrheiten gehört, daß es der Sozialismus, ja: daß es der Marxismus wäre, der um die Rechte der Menschen bemüht sei, daß nur es wäre, unter dessen Herrschaft die Menschen würdig lebten. Und wie sieht die echte Wahrheit aus?

Sozialismus und Menschenrechte gehen nicht gut zusammen. In allen – wirklich: allen – sozialistisch geführten Staaten leiden die Menschenrechte. Ob im Ostblock vor 1990, ob bis heute auf Kuba, ob in Nordkorea oder Venezuela: Dort, wo Sozialismus draufsteht, sind brutale Menschenrechtsverletzungen drin.

Trotzdem haben die Menschen noch nicht ganz genug von diesem Gespenst, von diesem Untoten. Sei es, daß die Sozialistische Einheitspartei Deutsclands unter dem Tarnnamen „Die Linke“ den Sozialismus wieder herbeiführen will – teilweise mit offener Bewunderung für den millionenfachen Mörder Stalin –, sei es, daß sie wie „Podemos“ in Spanien als vorpolitische Laienspieltruppe so tut, als sei Politik nur eine Frage des Wollens und Forderns und Träumens und hätte nichts mit Können und Wirklichkeit zu tun.

Es gibt die alte Schutzbehauptung, daß das in der Vergangenheit keine „echten“ Sozialisten gewesen seien und man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, also nicht die angeblich reine Idee des Sozialismus aufgeben dürfe, nur weil ein paar dutzend Diktatoren den Traum verdorben hätten.

Das ist falsch, falsch falsch; so falsch, wie etwas nur sein kann. Der Sozialismus ist eine der großen Plagen der Menschheit; er bringt Unfreiheit mit sich – denn sozialistische Staaten sind es, die ihre Menschen einsperren. Er bringt auch geistige Unfreiheit mit sich – denn es sind sozialistische Staaten, die ihren Bürgern vorschreiben, was sie zu lesen und was sie nicht zu lesen haben. Daß es neben den sozialistischen Staaten, die derlei tun, auch nationalistische Regierungen gibt wie etwa neuerdings in Polen, macht die sozialistische Gedankenknebelung nicht besser.

Natürlich ist das gesellschaftliche Gegenmodell vom Sozialismus, der Kapitalismus, auch nicht per se nur gut. Wer zu sehr auf die ausgleichende Kraft der Märkte setzt, wird unbillige Härten ermöglichen. Es kommt darauf an, den Kapitalismus von seinen potentiell schlechten Eigenschaften zu befreien – und das funktioniert, wie längst bewiesen ist. Bei uns mit dem Modell der sozialen Marktwirtschaft, die der freien Marktwirtschaft durch ihr ausgleichendes Moment überlegen ist. In anderen Ländern herrschen andere Korrekturansätze – so etwa in den USA die dort sehr starken Bürgerrechte –, aber in der Wirkungsweise sind sie gleich: Sie stärken den Staat in dem, was hoheitlich ist – aber auch nur darin. Was nicht hoheitlich ist, wird anderen Kräften überlassen. Und das ist gut; es funktioniert zum Wohl der Menschen.

In sozialistischen Staaten kümmert sich der Staat keineswegs nur um die hoheitlichen Aufgaben, sondern um alles. Dies kommt der Neigung des Menschen entgegen, geborgen zu sein. Dies erklärt auch, warum auch immer wieder wie bei uns wohlhabende Menschen sich dem Sozialismus zuwenden: Weil er ihnen Sicherheit verspricht. Sicherheit ist als Gegensatz zur Freiheit stets eine Sehnsucht der Armen, aber eben auch jener Besitzenden, die von Verlustängsten umgetrieben werden.

Wir sollten doch dieser scheinbaren Versuchung des Sozialismus leicht widerstehen können. Er tut dem Menschen nicht gut. Er ist eine Lüge, eine Schimäre.

Ob Marx das ahnte? Er ist, das sei unbestritten, ein scharfer Beobachter der Wirklichkeit gewesen; im diagnostischen Teil seiner Arbeit sah er vieles sehr richtig. Aber im therapeutischen Teil war er ein Versager sondergleichen. Der Marxismus, der Sozialismus sind gescheiterte Menschenexperimente enormen Ausmaßes, deren Scheitern so gründlich, so enorm war, daß sie für immer aufgegeben werden sollten.

 

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