Das Tabu

#901 Es gibt Dinge, die sind nicht durch ein geschriebenes Gesetz verboten, sondern durch ein Tabu. So erscheint man – beispielsweise –normalerweise nicht in Bermudashorts auf einer Beerdigung.Tabus geben uns Orientierung dessen, was man tut und was man nicht tut. Wobei Tabus komplexe Dinge sind. Um im eben genannten Beispiel zu bleiben: Das Tabu verbietet Bermundashorts nicht grundsätzlich (obwohl man auch darüber nachdenken könnte), sondern nur an bestimmten Orten.

Tabu und Gesetz gehen oft miteinander Hand in Hand, aber eben nicht immer. Weil es nicht immer geht. Bei vielen Dingen muß man sagen: Das und das tut man nicht, aber man kann es auch nicht verbieten.

Bücher, beispielsweise: Wir verbieten Bücher nicht. Trotzdem kann es Bücher geben, die tabuisiert gehören. Und zwar nicht in dem Sinne, daß es gesellschaftlich geächtet sein soll, sie zu lesen – sondern in dem Sinne, daß es besonderer Sorgfalt, besonderer Umstände bedarf, und auch des bewußten und richtigen Umgangs damit.

Natürlich ist es richtig, wenn Historiker oder Studenten der Geschichtswissenschaft das Buch Mein Kampf lesen, natürlich ist es auch richtig, wenn Menschen, die sich dafür interessieren, das Buch lesen. Es ist aber auch richtig, wenn es unter anderen Umständen tabuisiert wird. Es soll keine Serie in einer Tageszeitung geben, die mit „Die 10 heftigsten Ausfälle in Mein Kampf“ überschrieben ist. Auch darf es keine Prachtausgabe mit Faksimile-Unterschrift und Nachdrucken von Wasserfarbbildern des Autors geben.

Deswegen wäre es gut, wenn das Tabu nicht angekratzt werden würde. Aber 70 Jahre nach dem Todesjahr des Autors, also am 01.01.2016, sind dessen Werke gemeinfrei. Das heißt, daß jeder, der will, sie drucken kann. Ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Bisher war der Freistaat Bayern der Inhaber der Rechte, und er hat diese Rechte dazu benutzt, das Buch nicht zu drucken. Das war eine kluge Entscheidung.

Für wissenschaftliche Zwecke gibt es genügend Exemplare aus der Zeit bis 1945: Es waren bis dahin knapp 11 Millionen Exemplare gedruckt worden, die teils von Standesämtern an Brautpaare verschenkt wurden – anstatt, wie vorher üblich, einer Bibel.

Nun aber also darf es jeder drucken, der will. Der Deutsche Lehrerverband will die kommentierte Ausgabe, die jetzt vorliegt, im Schulunterricht einsetzen. Das ist nicht richtig. Es besteht kein gesellschaftliches Bedürfnis danach, daß sich Schulkinder in der Straßenbahn ein „Ey, wie weit bist’n du in Mein Kampf?“ zurufen. Oder in unvermeidlichem kindlichem Mißverständnis Hitler für einen Schriftsteller halten, und noch dazu einen, der so wichtig war, daß man in heute noch lesen sollte. Oder die auswendig pauken, was er schrieb.

Dieser Ansatz geht an der Wirklichkeit vorbei. Es gibt junge Menschen, die sich interessieren, und die sollen selbstverständlich alles lesen können, was sie lesen wollen. Es gibt aber auch jene große Zahl an Schülern, für die schon die deutsche Einheit ein historisches Ereignis ist, das für sie irgendwie mit den alten Römern zu tun hat. Wir haben einen Geschichtsunterricht, der zu wenig ausgeprägt ist. Ein, zwei Stunden die Woche, ernsthafte Themen erst spät – weil die armen Kinderlein angeblich die bösen Themen nicht packen, sich aber nach der Schule virtuell per Videospiel alles möglich antun –, auf dem Niveau, das eben dabei herauskommt, wenn man auf Frontalunterricht weitgehend verzichtet: Nein, bei einem solchen Geschichtsunterricht wird die Masse nicht die Ernsthaftigkeit – und schon gar nicht den Wissensdurst – erlangen, die für eine gründliche Beschäftigung mit diesem Buch notwendig sind. Es allein erklärt nämlich nichts; im Gegenteil: Man muß enorm viel wissen, um nicht auf seine Lügen auch in der Biographie des Autors, seinen Haß, seine geschickt vermengten Un- und Halbwahrheiten hereinzufallen. Deswegen ist es nicht nötig, das in einem Geschichtsunterricht zu verwenden. Es kann nur dann der „Immunisierung“ dienen, wenn es eingebettet ist in ein Beiwerk des Wissens. Dies kann der gewöhnliche Geschichtsunterricht längst nicht mehr leisten.

Bevor hier ein Detail der Geschichte mit einer überhöhten Bedeutung versehen wird, wäre es gut, andere Bücher dem Vergessen zu entreißen. Bücher, deren Bedeutung für uns heute wesensbildend ist. Ciceros Reden gegen Catalina, beispielsweise, geben mehr Einblick in das Wesen eines Staates als das haßerfüllte Gewäsch eines intellektuellen Analphabeten.

Es hat schon einen Wert, daß es die vom renommierten IfZ kommentierte Ausgabe gibt. Für eine allzu simpel gedachte Anwendung allerdings taugt sie nicht.

Umgekehrt übrigens ist Mein Kampf keineswegs besonders gefährlich. Der darin enthaltene Wust an Lügen und Haß ist nicht mehr in der Lage, gebildete Menschen zu verführen. Die Propaganda von IS ist heute gefährlicher.

Mein Kampf gehört jedenfalls nicht in ein gut bestücktes Bücherregal; auch nicht kommentiert. Und was nicht in ein Bücherregal gehört, sollte auch als Buch nicht in der Schule neben Schillers Die Glocke und Heines Deutschland, ein Wintermärchen durchgenommen werden. Laßt es dem Tabu verfallen.

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