Das können Sie vergessen

#900-1 Je länger es her ist, um so mehr wird hineingeimnist. Der heutige Leiter des Nürnberger Staatsarchivs Peter Fleischmann spürte eben jene Notiz auf, die der Landsberger Gefängnisarzt 1923 notierte, und in der er festhielt, daß Hitler nur einen Hoden hatte. Pardauz.

Das bemerkenswerte daran: Es erklärt nichts. Ob eins, zwei oder drei: Damit wird nichts verständlich von dem, was an Unverständlichem auf uns gekommen ist. Wir sollten aber aufpassen, daß wir uns bei der Betrachtung auch dieses Teils von Geschichte nicht auf’s Phantasieren, Rumoren und Glauben einlassen, sondern besonders genau mit der Sprache umgehen. Und da kann man feststellen: Wer hier anhand einer physischen Anomalie etwas zu begründen oder zu begreifen sucht, übt sich in Küchenpsychologie der simpelsten Art. Man möge dem widerstehen.

 

#900-2 An dieser Stelle ist das eine oder andere Mal die „Piraten“-„Partei“ aufgespießt worden. Die Freudsche mSchreibweise des Eigennamens mit zwei Paar Anführungsstrichen erklärt sich übrigens dadurch, daß sie weder Piraten sind noch waren noch eine Partei im politischen Sinne des Wortes. Nun also fand am 12.12.2015, also vor wenigen Tagen, die Hauptversammlung des Kreisverbands Nürnberg dieser Truppe statt.

Rückblende: Die „Piraten“ waren ein erstaunliches Phänomen in der deutschen Parteienlandschaft. Sie zogen in ein paar Landesparlamente ein, und der einstige Vorsitzende, ein braver Beamter im Bundesverteidigungsministerium, befand: „Zur Zeit sind wir die einzige ernstzunehmende Kraft“. Der Name dieses Herrn ist schon länger in der Rumpelkammer der Parteiengeschichte verloren, aber man möge bitte diesen Satz noch einmal genießen: „Zur Zeit sind wir [Piraten] die einzige ernstzunehmende Kraft“.

Die Tür mach auf, das Tor mach weit, hier kommt der Meister der Herrlichkeit? Geht’s nicht eine Nummer bescheidener? Geht’s nicht mit wenigstens lockerem Bezug zur Realität statt ganz ohne? Dem Bundesverteidigungsminister – oberster Dienstherr dieses Freizeitpolitikers – dürften vor Sorge die Knie geschlottert haben, als er diesen erstaunlichen Satz hörte, der in seiner Ahnungslosigkeit, in seiner Arroganz einmalig sein dürfte. Manche sind wirklich von der Realität so weit entfernt, daß sie noch nicht einmal den Anspruch erheben können, Unrecht zu haben: sie reden auf nur Unsinn. Sie könnten auch „blitiri“ sagen; das wäre ebenso klug.

Nun also kommen die stolzen Massen, die da heute, nur wenig später, die „einzig ernstzunehmende Kraft“ verkörpern, im Kreisverband Nürnberg zu einer Mitgliederversammlung zusammen. Und was sieht der staunende Betrachter? Acht Menschen sind gekommen. Acht!

Von diesen acht kandidieren vier für ein Amt: Vorsitzender, Stellvertreter, Schatzmeister und Beisitzer. Damit ist immerhin die Hälfte der anwesenden Mitglieder mit einem Parteiamt versehen. Das ist mal ne Quote.

Die Häme richtet sich aber nicht gegen den kleinen Haufen; eine politische Gruppe muß nicht notwendigerweise groß sein, um Richtiges zu wollen. Sie kann durchaus auch klein sein. Zumindest theoretisch. Daß die CSU groß ist und meistens Recht hat, steht dazu nicht in Widerspruch. Lassen wir also den Gedanken gelten: Eine Gruppe mag klein sein, kann aber trotzdem Richtiges wollen. Nur: Wo ist denn all die erstaunliche Leichtigkeit hin? Wo ist denn das Geseiere von „einzige ernstzunehmende Kraft“ hin?

Einer der wenigen Beschlüsse des Kreisvorstands der „Piraten“ war die Bewilligung von 50 € für eine Aktion der „Jupis“. Sie haben keinen „Generalsekretär“ mehr (wie hochtrabend für einen Kreisverband!), keinen „Politischen Geschäftsführer“, und beschließen in Bezug auf einen Weihnachtsbrief: „Diesmal nicht“.

Da bleibt am Ende nur eine Erkenntnis übrig: Sie sind an der Realität gescheitert. Sie haben Politik gespielt, aber als es ernst wurde, waren sie ganz schnell verschwunden. Sie haben in der deutschen Parteienlandschaft nichts hinterlassen, sie haben nichts bewirkt. Einige Lachmuskelbelebungen waren dabei, so etwa das Getwittere einer nordrhein-westfälischen „Piraten“-MdL über ihren letzten One-Night-Stand und ohne Kondom und das man ihr das nicht nachmachen solle. Als ob irgend jemand auf der Welt ihr etwas nachmachen wolle. diese Leute sind so weit von allem entfernt, was zählt, daß man den durchschnittlichen BRAVO-Leser noch als politisch informiert wahrnehmen kann.

Ich habe gerne Recht; das gebe ich durchaus zu. Aber so sehr wie bei der Prognose des Niedergangs dieser Wannabe-Truppe: das ist schon niederschmetternd.

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