Gestalten statt verwalten

#897 Einen Slogan verwenden die Parteien gerne gegeneinander, und der lautet: Nürnberg könne keine Großstadt. Die CSU wirft’s der SPD vor, weil Nürnberg in mancher Hinsicht wie ein zu groß geratenes Dorf geführt wird, und die SPD verwendete den Satz gerade vor kurzem gegen die CSU, weil die Weihnachten noch im Blick hat. In Wahrheit geht es darum, daß man oft in der Politik zwischen „falsch“ und „ganz falsch“ wählen muß. Ein solches Thema ist der ZOB, der Zentrale Omnibusbahnhof, der – noch? – schräg gegenüber vom Hauptbahnhof untergebracht ist und für den derzeit eine Lösung gesucht wird. Das wird lustig.

Der ZOB ist ein Thema für ganz Nürnberg – wie der Bahnhof oder der Flughafen. Er kann auch umziehen und dann plötzlich in einem anderen Stadtteil Thema werden. Vor ihm ist fast niemand sicher; außer natürlich die Fürther.

Ein ZOB ist für Stadtplaner ungefähr so reizvoll wie ein Kraftwerk: Muß man haben, aber will man planerisch am liebsten verstecken. Aber wenn man es versteckt, dann entstehen neue Probleme. Schauen wir uns das näher an.

Ein ZOB muß selbst gut erreichbar sein. U-Bahnen, die DB, Parkplätze: All das sollte nicht weit entfernt sein, denn Menschen müssen zu den Fernbussen hin und von ihnen weg. So gesehen ist ein ZOB nahe am Hauptbahnhof einerseits eine gute Sache.

Andererseits ist ein ZOB ein Platz, auf dem entweder viel Busverkehr herrscht oder eine wüste Ödnis. In den Bussen sind nicht nur sparsame Studenten unterwegs; da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Solche ZOBs können leicht auch ein Ort sein, vor dem viele Menschen etwas Sorge haben; in Nürnberg ist das nicht der Fall, aber die Gefahr droht. Die richtige Einbettung des ZOB wäre wichtig, um ihn nicht zum sozialen Brennpunkt werden zu lassen. Er darf nicht zu klein sein – der jetzige stößt an seine Grenzen. Auch sollte er nicht nur via Stau erreichbar sein; Planbarkeit wäre besser als dieser leicht unplanbare Zustand, der irgendwo in Fürth auf dem Frankenschnellweg beginnt und im Dauerstau vor dem Hauptbahnhof endet.

Wenn wir uns vom Gedanken, daß sich Fernverkehr via Pkw/Zug/Flugzeug vollzieht, insofern verabschieden, als wir den Bus mit aufnehmen, dann ist es Aufgabe der Stadtpolitik, für den Busbahnhof einen Rahmen zu finden, der nicht so furchtbar provisorisch ist. Der ZOB quasi in einem Gebäude drin ist ungefähr so passend wie Ketchup zur Gans: nicht wirklich gut. Der Bahnhof ist auch als Ecke sozial nicht nur ganz toll aufgestellt, um es mal höflich zu sagen. Ein Busbahnhof ist hier eine weitere Belastung, von der man fragen darf, ob es bei einem ohnehin schon kritischen Umfeld nötig ist, sie auch noch drauf zu satteln.

Aber dem Betrachter kann hier eine ganz andere Idee kommen. In Nürnberg haben wir etwas, was schon ein wenig besonders ist, in seinen Dimensionen und Ausmaßen allerdings leicht aus der Zeit gefallen ist, ungefähr so weit von uns entfernt wie das an diesem Ort einst untergebrachte Automaten-Restaurant oder die Endstation der Dampflok von Deutschlands erster Eisenbahn. Die Rede ist vom Plärrer.

Dieses Ungetüm von Platz mit der Aufenthaltsqualität des Autobahnkreuzes Westhofen liegt auf dieser Stadt wie ein Alp. Niemand braucht so eine große Kreuzung, niemand will sie, aber niemand weiß eine bessere Lösung. So wird sie wohl bleiben.

Den inneren Bereich jedoch braucht so niemand mehr. Hier fuhren einst über ein Dutzend Straßenbahnlinien, bis nach Fürth oder Ziegelstein. Das ist viele Fahrplanwechsel her. Heute sind es je zwei kümmerliche Straßenbahnen und Busse, die noch den Plärrer ansteuern, und das auch nur deswegen, weil man noch keinen eleganten Weg zu ihrer Abschaffung gefunden hat.

Kaum jemand will zum Plärrer; man will darüber hinweg. Und das macht ihn – also: das Innere des Platzes; dort, wo heute die völlig überdimensionierte Straßenenbahninsel ist – eigentlich zum idealen Standort eines ZOB.

Umgebaut werden wird der Platz sowieso; die Statik muß wegen der darunter fahrenden U-Bahn verstärkt werden. Momentan steht das Geld noch aus – und man hat keinen rechten Plan.

Der könnte so aussehen: Man läßt die Straßenführung ungefähr so, wie sie ist – also: bei einem der größten Kreisverkehre Deutschlands, der mit dem Großen Stern in Berlin um Platz #1 wetteifern dürfte. In der Mitte fahren die Straßenbahnen 4 und 6 sowie die Busse 34 und 36, die auch mit einem Bruchteil des bisherigen Platzes auskämen.

Und den großen Rest machen wir zum Busbahnhof. In der Mitte des Platzes – das ist gut für seine Handhabbarkeit auch im Sinne von sozialer Funktionalität, Sicherheit und dem Vermeiden dunkler Ecken. Erreichbar ist der Plärrer aus allen Himmelsrichtungen. Er ist nahe am Frankenschnellweg, der nach seinem Ausbau, der hoffentlich noch zustande kommt, auch für diesen Verkehr besonders wichtig sein wird. Vom Hauptbahnhof sind es nur zwei Stationen mit der U-Bahn. Für „kiss & ride“-Parkplätze ist genug Raum. Die Statik ist leichter zu sicherzustellen als etwa für eine Bebauung. Und der Plärrer, von dem sich sogar McDonald’s zurückzog, könnte eine Aufwertung erfahren oder jedenfalls in seinem Niedergang gebremst werden.

Ein ZOB am Plärrer würde viele Probleme lösen. Nun mag jemand einwenden, daß es keine perfekte Lösung sei. Gut, das mag stimmen. Aber hat jemand eine bessere?

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