Gute Sprache ist ein Diamant: selten.

#895 Sprache dient dazu, miteinander zu kommunizieren. Sie kann – und gerade die deutsche, wie ich meine – auf schöne Weise nicht nur dazu dienen, Gedanken mit äußerster Präzision ausdrücken; sie ist zuweilen auch schön. Sie kann schneidend sein oder schmeichelnd, grob oder sanft, analytisch klar oder verwirrend und berauschend.

Es gibt leider aber noch etwas anderes, etwas Schlechtes, etwas Böses: Den Versuch, Sprache zu instrumentalisieren, sie zu einem anderen Zweck als der Kommunikation zu gebrauchen. Das ist nicht nur eine intellektuelle Anmaßung – woher nimmt jemand das Recht dazu? –, das ist auch handwerklich stets schlecht, weil es die Mittel der Sprache für etwas verwenden will, für das es nicht gemacht ist. Es ist so, als ob man eine Kreuzschlitzschraube mit einem Dosenöffner herausdrehen wollte.

So etwa ist das Wort „Studierende“ in diese Kategorie der unguten Sprache aufzunehmen. Im Wesentlichen deswegen, weil es die Bedeutung des Partizips, der Gerundivs und Gerundiums ignoriert. Zu theoretisch? Bitte sehr, dem kann abgeholfen werden. Wenn jemand gerade von Nürnberg nach Rom fährt, sei es im Auto oder im Flugzeug oder wie auch immer, dann ist er itzo ein Reisender. Wenn er gerade daheim im Wintergarten sitzt und ein Mohnbrötchen mit Erdbeermarmelade ißt, dann ist er zwar doch ein Mensch, der zuweilen reist, aber derzeit kein Reisender. Wem dies nachvollziehbar erscheint, der wird den Unfug des Wortes „Studierende“ verstehen.

Wobei man sich nicht täuschen lassen soll. Es ist wohl nicht so, daß die Schöpfer dieses grandiosen Unsinns den sprachlichen Fehler nicht sahen, sondern wohl eher so, daß sie ihn für weniger schlecht hielten, als sie ihr von ihnen als positiv angesehenes Wollen für gut befanden. Also: Die angeblich nur kleine sprachliche Unebenheit ist ohne weiteres durch den großen sprachlichen Triumph über das Elend der Menschheit gerechtfertigt: man dürfe einen sprachlichen Fehler machen, um einem angeblich höheren Ziel zu dienen.

Und das ist falsch. Der Satz, daß der Zweck die Mittel heiligt, war immer schon wahlweise dumm oder zumindest unbedacht, und immer war er falsch. Es sind eben keine „Studierenden“, die eine Wohnung suchen, eine Semesterabschlußfeier machen, farbentragend durch die Stadt ziehen: Das sind Studenten. Wie immer, stets und qua allgemeiner Akzeptanz so anerkannt, faßt der sprachlich maskuline Plural sowohl die männlichen als auch die weiblichen Studenten zusammen. Das große Mißverständnis kommt für manche wohl daher, daß wir sprachwissenschaftlich von Genus (und nicht etwa von „Typus“) sprechen, von männlich, weiblich, sachlich – und nicht von „Typ A“, „Typ B“, „Typ C“. Dann wäre dies Problem vielleicht gar nie entstanden.

Aber so kommen die Sprachpanscher zur fröhlichen Urständ‘, mutmaßen allüberall eine Indoktrination, die es nicht gibt, aber die sie selbst ausüben wollen. Es gibt das Wort vom kleinen Mann, dem man besser keinen Schlüssel geben soll. Dies konnte jedem, der mit dieser Sprache mit Respekt umzugehen sich bemüht, in den Sinn kommen, als er den neuesten Irrwitz der Grünen las: „Wir gendern, indem wir: – im Regelfall den Gender-Star verwenden (Bürger*innen, Student*innen…)…“

Nun ist ja schon zu Recht und aus gutem Grund der vegetarische Donnerstag auf dem Müllhalde der Geschichte gelandet – und übrigens nahe beim Eintopfsonntag, mit dem er instrumentell nicht wenig verwandt war.

Die Mehrheitsgesellschaft verweigert sich diesem verquasten Unsinn; teils aus Bequemlichkeit und Desinteresse, teils aus bewußter Ablehnung heraus. Sprache ist ein Instrument der Sache an und für sich und ist niemandem zur Erfüllung eines angeblich höheren Zwecks auszuliefern.

Deswegen sind auch Bestrebungen, den Islamischen Staat nun „DAESH“ zu nennen, abzulehnen. Erstens ist durch die Großschreibung des ersten Wortes schon einmal klar, daß es sich um einen Namen handelt. Zweitens sollte nun auch wirklich der Letzte begriffen haben, daß der IS weder besonders islamisch ist noch gar ein Staat. Aber die Eigenbezeichnung bleibt; sie wird auch eingedeutscht, denn wenn die Herkunftssprache nicht deutsch (oder recht bekannt, wie etwa englisch) ist, dann wird übersetzt. Deswegen sagen wir USA und New York (vor über hundert Jahren waren „VSA“ und „Neu York“ in Deutschland durchaus gebräuchlich). Aber anderes heißt so, wie es heißt, weltweit so. Die NSDAP, beispielsweise. Sie war nicht wirklich national oder nationalistisch, denn ihre Rasseideologie lief neben den überkommenen Begriffen von Staat und Nation parallel einher; sie war nicht sozialistisch; sie war gewiß keine Partei der Arbeiter, und schließlich war sie nicht einmal mehr eine Partei im Sinne des Wortes; dennoch wird sie weltweit bei ihrem eigenen Namen genannt. Der Islamische Staat nennt sich eben so, wie er sich nennt. Das soll man nicht mit Willen und Wollen überfrachten. Die Rote Armee Fraktion, wie die RAF sich ausgeschrieben nannte, war auch keine Armee, keine Fraktion – diese Sprachwichtigtuerei jener Herrschaften war schwer erträglich, aber war eben so, wie sie war, und niemand würde der RAF einen anderen Namen geben, nur um gute Gesinnung zu zeigen. Also weg von den Sprachverhunzungen.

Wir sehen, daß Sprache zwar einerseits recht robust ist, aber andererseits des vorsichtigen Gebrauchs bedarf. Wir sehen auch, daß Sprache keinem Utilitarismus gehorchen darf; man merkt die Absicht und ist verstimmt.

 

Advertisements