Langsame Fahrt

#891 Diese Woche ist es soweit: Der einmillionste Flüchtling kommt nach Deutschland. Eine Million – das sind viele. Zu viele?

Das kommt darauf an. Es kommt darauf an, wer zu uns flieht, und wie viele es sind. Die integrative Kraft einer Gesellschaft ist vorhanden, aber nicht unerschöpflich. Das Hinzukommen anderer Menschen, die unsere Kultur erst lernen müssen, impliziert, daß sie ihr im Moment ihres Ankommens nicht gewachsen sind. Es ist ein schwieriger Prozeß – für beide Seiten. Der Flüchtling muß viele Dinge lernen, die an die Substanz gehen und schwer zu erlernen sind. Wir müssen niemandem etwas persönliches vorwerfen, und es gibt freilich auch Gegenbeispiele; aber es gibt unter den Flüchtlingen solche, die fassungslos auf unsere gleichberechtigte Stellung von Mann und Frau schauen – und als Reaktion darauf „ihre“ Frauen um so stärker verhüllen. Es gibt auch andere, die die Würde genießen, unabhängig vom Geschlecht als Mensch in dieser Gesellschaft anerkannt zu werden. Aber während Letztgenannte leichter zu integrieren sein dürften, wird es bei den Erstgenannten schwierig werden.

Integration kostet nicht nur Geld – das auch nicht leichter Hand weggegeben werden darf; wir haben noch eine eigene Bevölkerung –, sie kostet Ressourcen, und Ressourcen sind endlich. Es gibt nicht beliebig viele Turnhallen, die als Außenstellen der Erstaufnahmeeinrichtungen verwendet werden können, und dabei wird übrigens einfach so getan, als sei der Sportunterrichtet sowieso schon vor der Abschaffung gestanden. Was er natürlich nicht tat. Hier ist es geboten, Maß und Mitte walten zu lassen.

Die Ressourcen sind auch in anderer Hinsicht endlich: Es gibt nicht beliebig viele Menschen, die da helfen. Die Rede ist jetzt nicht von denen, die da auf zeitgemäße, also wenig abverlangende, viel angebliche Symbolkraft, vor Wichtigtuerei strotzend zum Münchner Hauptbahnhof zogen, dort wildfremden Menschen einen Blumenstrauß überreichten, den sie nun wirklich nicht brauchten, und vor den realen Herausforderungen ganz schnell und nicht mehr ganz so vor Überheblichkeit strotzend abzogen. Es ist sinnlos, wenn – wie dieser Tage im Deutschlandfunk zu hören – aufgrund des Mangels an Deutschlehrern jemand in dieser Funktion mit Flüchtlingen arbeitet, der selbst kaum deutsch kann. Es ist sinnlos, wenn bemerkenswert Unkundige etwas von angeblichen Fachkräften reden, wenn – je nach Herkunftsregion – bis zu einem Drittel Analphabeten sind oder nicht mehr als die Grundschule absolviert haben.

Unsere Ressourcen sind endlich, was die Verachtung von Frauen, den Haß auf Christen und Juden betrifft. Wir können Flüchtlinge zu Veranstaltungen einladen, um ihnen zu zeigen, daß sie in ein Land des Dialogs gekommen sind – aber eben nicht beliebig viele.

Es gibt zwei extreme Seiten in diesem Konflikt, denen beiden scharf zu widersprechen ist. Die einen wollen vor der Katastrophe, die da geschieht, wegschauen und fröhlich Vogel Strauß spielen. Das geht nicht nur nicht; das ist unanständig. Natürlich helfen wir. Eine Sichtweise, die da sagt, daß einen das nichts anginge, ist aber nicht nur moralisch schlecht, sondern auch praktisch unhaltbar: Wenn wir die Grenzen abschließen, werden Staaten wie Griechenland unter dem Ansturm zerbrechen. Das wiederum ließe die EU zerbrechen, und spätestens dann könnten wir nicht mehr so tun, als ginge uns das nichts an. Wir haben uns dem zu stellen.

Andererseits gibt es die Ansicht, daß gar nicht genug kommen können. Und dieser Ansicht ist freilich auch scharf zu widersprechen. In dieser Woche wird die Million voll, und das scheint zu viel. In der Bundesrepublik Deutschland wurden heuer als zwei Nürnbergs frisch gegründet – zwei Nürnbergs mit eklatanten Problemen.

Es ist nicht um die gelegentliche Unruhe in den Sammelunterkünften zu tun; die gäbe es auch, wenn man beispielsweise 500 Fürther in einer solchen Unterkunft zusammen brächte. Man muß schon unterscheiden zwischen den künstlich hochgespielten Aufregern und den realen. Eine Einwanderungsquote von knapp 100 % in die Sozialsysteme ist ein solcher Punkt: dafür sind sie nicht gemacht, und es ist dem sein Leben lang Einzahlenden, der eine Kürzung hinnehmen muß, nicht leicht zu erklären, daß das so ist. Der Präsident des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung Clemens Fuest schätzt die Kosten auf 30 Milliarden Euro jährlich – wenn ab dem neuen Jahr keine Flüchtlinge mehr kommen.

Was aber damit noch nicht angesprochen ist, ist die Frage: Wie sehr werden sie unser Land ändern?

Wird eine Verachtung der Frau wieder Einzug halten, ermöglicht durch die angeblich progressive Haltung mancher? Wird einem virulenten Antisemitismus die Tür geöffnet, um sich als angeblich modern darstellen zu können?

Eine naheliegende Begrenzung der Zuwanderung muß dort erfolgen, wo die Zahl der zu uns Fliehenden die Integrationskraft erschöpft. Die Rede ist nicht von der angeblichen Integrationskraft der vergangenen Jahre, die schulterzuckend eine diese Gesellschaft zerstörende, abgeschottete Welt der Parallelgesellschaften schuf, sondern eine wirkliche Integrationskraft.

Es wäre sicher falsch, hierfür einfach eine Zahl zu nennen und sich ab da einen schlanken Fuß zu machen. Aber so ungebremst, unkontrolliert kann es nicht weitergehen. Die Bundesregierung hat die Kontrolle verloren; sie muß sie zurückgewinnen. Und wir müssen von der achselzuckenden Grundhaltung wegkommen.

Wir müssen integrieren und begrenzen, wir müssen uns in Anspruch nehmen lassen, aber dürfen uns nicht überfordern lassen. Wir müssen weg von einer letztlich die Intelligenz beneidenden Symbolfixiertheit und hin zu einer einen realen Wert verkörpernden Sachpolitik. Weg von der billigen Gesinnungsethik, hin zu einer wertvollen Verantwortungsethik im Max-Weber’schen Sinne; weg von einer irrigen „Wir-schaffen-das“-Euphorie und hin zu einer Maß und Mitte beachtenden Haltung, die das Machbare machen wird und das Illusorische illusorisch bleiben läßt.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, es sind zu viele. Und es sind zu viele, die vor dem Bürgerkrieg vor allem zu uns fliehen wollen. Das kann so nicht weitergeführt werden. Andererseits heißt das nicht, daß wir uns nicht um die, die da sind, zu bemühen haben. Und das tun wir auch.

Im übrigen stelle ich den Antrag, daß unsere Grenzen zu schützen sind.

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