Dekadent

#885 Ob man den Begriff auf Staaten anwenden kann, ist umstritten – setzt dies doch voraus, daß Staaten sich wie Menschen verhalten, und das tun sie nicht unbedingt; ein abstraktes Etwas wie ein Staat mit menschlichen Eigenschaften versehen zu wollen, ist zumindest zweifelhaft.

Aber während vor einigen Jahrzehnten die Umstände klarer gegliedert waren, fransen sie heute zu den Rändern hin aus.

Der starke Mann in Rußland steht für den Abschuß eines zivilen Flugzeuges, und man ist nur allzu gerne bereit, ihm das seitens der Bevölkerung nachzusehen und, wie von einer Lästigkeit berührt, mit den Schultern zu zucken. Er – Putin – ist willens, Angriffskriege zu führen, um von seinem völligen Versagen darin, das Land gut zu regieren, abzulenken. Machismus kann man nicht essen.

In der Türkei strebt Erdogan danach, einen religiös-faschistischen Staat zu errichten und vernichtet damit das großartige Werk, das Kemal Atatürk begann. Gleichzeitig will er mit seiner Politik der Ermordung, der Unterdrückung, des Verbots des freien Geistes in die EU, und über die Bittbriefe inhaftierter Journalistin reicht ihm eine Bundeskanzlerin die Hand, die in einer zentralen Frage die Richtung verloren hat.

Eine Bundesverteidigungsministerin, die allen Ernstes davon spricht, daß sie in Syrien mit der Armee Assads zusammenarbeiten will (so wird es heute vom Deutschlandfunk gemeldet), ist eher eine Gefahr für uns als für die zu bekämpfenden Gegner. Wie kann man das fordern? Ist die gesittete Welt nicht mehr stark genug, beide zu bekämpfen? Und zwar erfolgreich? Dann soll sie es lieber gleich lassen.

Vor allem aber gehört nach dem militärischen Kampf gegen beide Feinde des Menschen an sich, IS und Assad, eine ordentliche, eine gute Zivilverwaltung installiert, die den Menschen dort zeigt, daß ordentliches Regieren möglich ist. Sie kennen doch seit Jahrhunderten nur Willkür, Despotismus, Korruption, Enrichissez-vous, staatlich verordneter Dummheit und Rohheit. Vor beiden fliehen sie zu Millionen.

Eine Bundeskanzlerin, die diesen Millionen nur ein „Wir schaffen das!“ entgegen ruft, ist im Irrtum. Das würde diese Gesellschaft so sehr verändern, daß hier der deutsche Hipster nach dem Verzehr eine klimaneutralen, möglichst veganen Mahlzeit dem syrischen Flüchtling verdeutlichen müßte, daß wir nicht mehr das Deutschland derer sind, die so denken wie in der Zeit der Nationalsozialismus. Ein niederschmetternder Bericht stand dazu in der Süddeutschen Zeitung von einigen Tagen.

Statt mit realen Dingen befassen wir uns lieber mit eingebildeten. Die Hysterie rund um einen natürlichen Vorgang nennt sich „Klima-Gipfel“ und ist doch nichts anderes als der Versuch, eine Entwicklungshilfe II auf den Weg zu bringen. Kann man machen, denn die Unterschiede sind zu groß, aber dann soll man es auch so nennen. Nicht eine Prognose des selbsternannten Weltklimarats hat sich erfüllt. Nicht eine einzige. Es ist wohl nichts anderes als ein Gebot der Vernunft, diese weiterhin reden zu lassen, dem aber nur bedingt Gehör zu schenken.

Einige Alarmisten behaupten, daß wir Menschen – sonst sind wir ja eher nicht ein „Wir“ – das Klima verändern würden. Wäre die Erde ein Subjekt, was sie nicht ist – sie ist ein Objekt –, dann würde sie darüber herzlich lachen. Dafür gibt es keinen Beweis. Aber Menschen sind nun einmal geneigt, Dinge zu glauben, die einfach so behauptet werden.

Wir brauchen keinen starken Mann und keine Symbolpolitik. Mit einer aufgeklärten Politik der Vernunft, die zwar auch emotionale Ziele mit verfolgt, aber dabei nicht selbst emotional wird, erreichen wir mehr als mit allem Macho-Gehabe à la Moskau oder Ankara.

Die Türkei hat viele Jahre lang gezeigt, daß sie auf einem guten Weg war. Bildung, Vernunft und Verantwortung in den öffentlichen Dingen haben sie weit vorangebracht in den letzten hundert Jahren, und seit über zehn Jahren macht Erdogan das wieder kaputt.

Wir hatten eine Bundeskanzlerin, die dieses Land vernünftig, zurückhaltend, erfreulich unemotional regiert hat. Sie hat über den gegenwärtigen Krisen einen unvernünftigen Schritt unternommen. Nicht das Öffnen der Grenzen angesichts der vielen davor ausharrenden Menschen im Spätsommer war der Fehler – das hätte jeder verantwortungsbewußte Regierungschef so getan. Aber das Unterlassen der Implementierung eines ordentlichen Grenzregimes war ein Fehler, diese Haltung, die Ignoranz und Arroganz bezüglich der Wünsche, der Ängste und der Sehnsüchte der eigenen Bürger.

Natürlich helfen wir – nach unseren Kräften, und das heißt auch: es darf uns schon anstrengen, aber es darf uns nicht überfordern. Und damit ist nicht nur unsere finanzielle Kraft gemeint, sondern auch unsere zivilisatorische, die Kraft unsere Bildungswesens, die Kraft unserer Sozialsysteme, die Kraft unserer res publica.

Wir müssen von der Emotionalisierung der Poltik wieder wegkommen. Vernunft (statt Gefühl), sachliche Kriterien (statt schwülstig-emotionaler), Ausgleich der Interessen (statt simpler Priorisierung der einen Seite) sind das Gebot der Stunde. Die Bundeskanzlerin hat das einmal gut gekonnt. Hoffentlich lernt sie es wieder.

Es hat dort eine Dekadenz Platz gegriffen – freilich nicht im kleingeistigen Sinne, der damit nur Gier, Prunksucht und derlei verbindet, sondern im wörtlichen Sinne, dem Verfall der öffentlichen Sitten.

Die Besucherzahlen auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt sind die erste Meldung der Tageszeitung, obwohl das im Lokalteil auch gut aufgehoben wäre. Aber so ist das eben: Wenn die Dinge in Unordnung kommen, wenn nicht mehr nach Bedeutung geordnet wird, dann geht eben vieles schief.

Wie auch der Ausgang des Olympia-Referendums in Hamburg zeigt: Die Menschen wissen nicht mehr zwischen wichtig (Investitionsschub mit jahrzehntelanger Wirkung) und unwichtig (vier Wochen lang eine überfüllte, gestresste Stadt) zu unterscheiden. Dabei sind Unterscheiden und Verstehen – lateinisch: intellegere – immer noch der Nachweis von Intelligenz. Warum lassen wir es derzeit daran mangeln?

Im Übrigen bin ich der Ansicht, daß unsere Grenzen zu schützen sind.

Bild: Charles de Secondat, Baron de Montesquieu
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