Kultur der Vernunft

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 #CSUPT15: Der bayerische Löwe steht Marianne bei – © Freud

#882 Frankreich fordert durch seinen Premierminister Manuel Falls einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge aus Nahost; als Grund nennt er die Gefährdung Europas durch eine Überforderung. Daß einige der Attentäter von Paris – nach den Morden in der Redaktion von Charlie Hebdo und einem kosheren Supermarkt anfangs diesen Jahres der zweite Terrorangriff auf Paris binnen Jahresfrist – als Flüchtlinge eingereist sein soll, wird derzeit überprüft und ist eine furchtbare Möglichkeit. Aber wenn Frankreich einen Aufnahmestopp fordert, dann regt sich die Presse hierzulande nicht auf. Es ist ja ein Sozialist, der die Forderung erhebt. Das fördert freilich nicht das Geheul zutage, das zu hören ist, wenn die CSU derlei fordert. Dann tritt sogar die einstige Ober-Grüne Claudia Roth an, um Angela Merkel in Schutz zu nehmen. Wir leben in der Tat in kuriosen Zeiten.

Kanada hat beschlossen, 25.000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Wir wollen einmal sehen, was das in der Relation bedeutet: Während wir etwa 3 Flüchtlinge pro Quadratkilometer aufnehmen, mutet Kanada sich ganz 0,0025 Flüchtlinge zu. Wer hat hier den realistischeren Blick?

Vor allem aber verlangt Kanada eine Überprüfung der Flüchtlinge im Ausland, also: bevor sie nach Kanada kommen. Das ist normal, das ist vernünftig. Wir merken an solchen Beispielen nur, wie töricht unser eigenes Verhalten ist. Und das bringt uns zu unschönen Einsichten.

Es ist ein Impuls des Menschen – besonders solcher Menschen, denen es gut geht –, anderen helfen zu wollen. Und das ist auch richtig. Über das gesetzliche Maß hinaus, das im Wesentlichen über Steuern geregelt wird, gibt es eine sittliche Kategorie von Sorge, von Fürsorge. Natürlich gilt die zunächst einmal der res publica, also den „eigenen“ Menschen – wie immer man das definieren mag –, aber auch den Menschen draußen in der Welt. Schon dies erfordert eine Abstufung der Hilfsbereitschaft, eine Quantifizierung und Priorisierung; sonst begibt man sich intellektuell und emotional auf das Niveau eines unausgereiften Menschen, der viel will und wenig kann.

Es ist niemandem etwas Böses zu unterstellen, der alle, die zu uns wollen, aufzunehmen sich wünscht; aber wer nicht erkennt, daß das nicht möglich ist, der befindet sich im Irrtum. Er mag gute Vorsätze haben, gewiß – aber schon Dante wußte: die führen in die Hölle.

Der Begriff der „Willkommenskultur“ ist schon sprachlich etwas bemüht. Ihm wohnt auch die häßliche Fratze inne, die alle, die dies letztlich etwas kindische Gebaren nicht für einschränkungslos gut halten, als böse hinstellt. „Willkommenskultur“ stellt sich durchaus als ein Wort dar, das eine gefährliche Geisteshaltung ausdrückt. Darin nämlich steckt eine Geringschätzung unserer Gesellschaft, der man meint, alles mögliche zumuten zu können. Eine Million Menschen, von denen viele – als Erwachsene – quasi keine Bildung haben (50 % zwischen Analphabetismus und Grundschule als höchstem Schulabschluß); wo sollen die denn hin? Eine Million Menschen, die zum übergroßen Teil männlich und jung sind: wo sollen die hin, wie sollen sie hier anständig leben können? Wenn wir nicht jedem, der hier ankommt, zum perspektivlosen Verlierer, zum gesellschaftlichen Außenseiter erklären wollen, dann müssen wir in hunderttausende von Menschen enorm viel investieren; nicht nur an Geld, sondern auch an Aufwand.

Und das alles setzt nicht nur voraus, daß wir diese Ressourcen an Menschen, Geld, Aufwand haben – das setzt eigentlich voraus, daß wir sie frei haben, also daß das alles nicht anderswo gebunden ist. Und das ist doch schon eine nicht zutreffende Vorstellung.

Vor allem aber geht sie in einer Hinsicht fehl: Sie unterstellt, daß all die, die da zu uns kommen, guten Willens sind; und diese Annahme ist falsch. Viele von ihnen bringen den Geist der Intoleranz hierher mit. Viele verachten Frauen, verachten Schwule, verachten Juden, verachten Christen. Ob man ihnen das zum persönlichen Vorwurf machen kann, dürfte wohl fraglich sein: sie sind in diesem Geist groß geworden; sie kennen nichts anderes. Aber auch wenn man es dem Einzelnen nicht vorwerfen kann: das heißt dann eben doch, daß sie als Gruppe für diese Gesellschaft eine Belastung sind. Sie müssen erst für das Leben in dieser Gesellschaft fit gemacht werden. Nun ist die Flüchtlingskrise – und es ist eine Krise – nicht dafür da, ein Beschäftigungsprogramm für Sozialpädagogen zu sein. Erstens müssen wir bei unseren Integrationsbemühungen sehr viel tougher sein; wohin wir mit unserer bisherigen Integration gekommen sind, sehen wir: erfolgreich sind wir bei denen, die sich selbst bemühen; erfolglos aber sind wir bei denen, die nicht selbst mitwirken. Die Zuwanderer in Deutschland teilen sich doch grob in zwei Gruppen auf: Jene, die ein ganz normaler Bestandteil unserer Gesellschaft sind, denen auch die höheren sozialen Schichten ganz normal zugänglich sind, und jene, die von den minimalen Sozialstandards in Deutschland überfordert sind. Letztgenannte Gruppe ist zu groß. Wir müssen zum Wohl unserer Gesellschaft an diese Gruppe heran und sie dazu bringen, daß sie sich integriert. Indem wir die Grenzen de facto aufheben und jeden ins Land lassen, der das will, vergrößern wir jene Gruppe immens und haben zugleich keine gesellschaftliche Antwort darauf. Das geht schief.

Wir haben erfreulicherweise nicht nur ein dumpfes Fühlen, sondern auch ein klares Denken. Wir brauchen statt einer irrationalen „Willkommenskultur“ eine rationale Kultur der Vernunft.

Im Übrigen bin ich der Ansicht, daß unsere Grenzen zu schützen sind.

 

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