Jemand ist hier falsch: ich oder sie?

Telefon – © Freud
Telefon – © Freud

#868 Der Tag begann eigentlich ganz nett: Ein positiver Termin stand an, und munter ging es in den Tag. Der brachte so manches, auch manches Gute. Und so kam es dann, daß ich kurz nach Einbruch der Dunkelheit, im Eingangsbereich eines Hauses stehend, das Handy aus der Brusttasche des Sakkos angelte, weil ich eine eingegangene Nachricht lesen wollte; gleichzeitig sprach ich mit dem Pförtner. Ich lächelte noch freundlich, doch dann entglitt mit erst das Handy und zweitens das Lächeln.

Es gab ein kurzes, sattes Geräusch, als es auf den blank polierten Boden aufschlug. Dieses Geräusch klang so harmlos wie eine Abrißbirne an einem Altbau, die verkündet: „Hier kommt das Ende der Zeiten!“ Einen Moment lang, einen sehr kurzen Moment lang, hoffte ich noch, daß nichts passiert sei. Aber diese Hoffnung glich dann doch der eines armen Sünders, der nach einem Kasten Bier bei der Polizei ins Pusteröhrchen blasen muß: Hoffen darf man, aber es ist wie das Wünschen nur Ausdruck der eigenen Befindlichkeit, nicht von maßgeblicher Wirkung auf die Realität.

Natürlich bin ich kühl und hartgesotten, welterfahren und mit allen Wassern gewaschen sowieso. Wenn es böse kommt, reagiert der Mensch oft nach diesem Schema:

  • Leugnen
  • Zorn
  • Schönreden
  • Depression
  • Akzeptanz
  • Verklärung

Nun war es in der Tat nach dem Verklingen des Geräuschs recht sinnlos, die Tatsache „Handy kaputt“ zu leugnen; sie war evident. Auch weil inzwischen einzelne Glassplitter bedenklich unter meinen Füßen knirschten, als ich auf das hinabgefallene Wunderding zu lief. Zorn – das ist ein Zeichen der Unterlegenheit und also nicht so gerne meins. Schönreden – na, das geht schon eher. Also nahm ich das Handy in die Hand, drückte auf den Knopf, der es zum Leben erwecken sollte, und sah unter dem gesprengten Glas: zu zwei Dritteln nicht und auf dem verbliebenen Drittel einen solchen sinnlosen Wust an Zeichen, daß da wirklich nicht viel Schönzureden war. Ich stieg also gleich bei Phase 4 und 5 ein: Depression und Akzeptanz, was also in einem Ausruf „Mist. Schon wieder ein Handy zerstört“ mündete. Für die abschließende Verklärung war kein Raum: da ist nichts zu verklären; das Denken jener paradoxen Freigeister, die dann jubilieren „Endlich bin ich kein Sklave meines Handys mehr!“, ist nicht meines.

Also brach ich ab, fuhr auf schnellstem Weg nach Hause, um ein anderes, mobiles Gerät zu holen. Seit längeren auch mußte ich eine Armbanduhr anziehen – was ich an sich nicht sehr mag –, weil ich die Uhr des Handys entbehrte. Einem Freund, der an diesem Abend etwas zu feiern hatte, konnte ich beruhigend schreiben, daß ich zwar später käme, doch eben käme: ich würde es ihm gerne kurz telefonisch erläutern, aber eben dies ginge derzeit nicht. Einigen Freunden schrieb ich kurz, daß ich nicht mehr telefonieren könne, und brachte so diesen Aufschrei des Selbstmitleids in fast die gesamte zivilisierte Welt. Es beruhigte mich der Gedanke, daß durchschnittlich via fünf oder sechs andere Menschen jeder Mensch jeden anderen Menschen kennt. Also hatten solcherart etwa sechs Milliarden Menschen gebührend von meinem Mißgeschick Kenntnis erhalten. Das tröstete mich zwar etwas, aber nicht sehr. Allmählich begann der körperliche Entzug wirksam zu werden: fahrige Hände fuhren in Taschen und suchten das Handy; aber es war nicht da. Mit verzweifelten Blicken beneidete ich die, die da Nachrichten lesen konnten, eMails schreiben konnten – ach, es war schwer.

Heute morgen war ich dann schon eine viertel Stunde vor Öffnung des Ladens bei meinem Handy-Provider (dessen Namen hier nichts zur Sache tut). Leider war ich nicht die erste Pappnase, die dort so früh erschien. Schon acht andere warteten vor mir, alle ähnlich verstört in den zwar warmen, aber grauen Morgen schauend. Wir, die wir da der Dinge harrten, konnten im Laden die Mitarbeiter sehen, die sich vor einem für uns unsichtbaren Chef im Halbkreis aufbauten und anscheinend eine Art unternehmensinternes Motivationsseminar einschließlich Tschaka! erhielten. Dann gingen die Türen auf.

Ich will die Details gar nicht ausbreiten. Aber jene Mitarbeiterin, die sich in ödester Worthülserei verlor, beliebte nach einem 30-Sekunden-Telefonat mit einer ominösen „Zentrale“ zu mir zu sagen, daß sie ihr „Menschenmöglichstes“ getan habe, aber sie könne mir nicht helfen.

Ihr Menschenmöglichstes? Auch noch im Superlativ? Der 3-im-Weckla-Verkäufer vor der Tür hat mir mit seinem hingeraunzten „Grüß Gott“ mehr geholfen, und diese Zeitgenossin spricht allen Ernstes und ohne vom Hocker zu fallen diesen unwahren, wichtigtuerischen und wahrscheinlich nicht wirklich in seinem Wortgehalt durchdachten Unsinn aus. Das ist reines Wortgedresche.

Nun, die Geschichte ging dann anders, als hier abzusehen ist, doch noch gut aus: mir wurde anderswo geholfen. Umgehend benachrichtigte ich wieder einige Menschen und damit alle vom sich wandelnden Schicksal.

Ich bin jetzt auch wieder telefonisch erreichbar; wunderbar. Aber einer ist in der Realität am falschen Ort: Die Telefonfachverkäuferin oder ich. Und ich bin mir nicht mal sicher, wer.

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