Wenn der Revolutionär zum Spießer wird

Gewalt gegen andere ist in Augen mancher völlig okay... – © Freud
Gewalt gegen andere ist in Augen mancher völlig okay… – © Freud

#864 Wissen Sie, was die „Organisierte Autonomie“ ist? Diesen in sich selbst etwas widersprüchlichen Namen gab sich eine Gruppe meist junger, „antikapitalistisch[er], internationalistisch[er], revolutionär[er]“ Leute, die ihr Hauptquartier am Jamnitzer Park haben, einen sogenannten „Stadtteilladen“.

Im Schuhladen gibt es Schuhe zu kaufen, im Haushaltswarenladen gibt es Haushaltswaren, aber im „Stadtteilladen“ bekommt man keine Stadtteile. Dort bekommt man Meinung. Es ist ein wenig wie eine Erfrischungsstation am Rande eines Abenteuerspielplatzes. Die „Organisierte Autonomie“, ein wirklich unfreiwillig komischer Name: denn wenn ich etwas organisiere, also miteinander abstimme und in Einklang bringe, dann wird natürlich der Grad an Autonomie immer geringer. Es klingt ein wenig nach „Das Bordell der Enthaltsamkeit“, aber bitte: jeder nach seiner Façon.

Es ist vieles ganz normal in dieser an Wunderlichkeiten reichen Welt. Und wir sollten auch gegenüber diesen jungen Leuten, die ihre ersten politischen Gehversuche machen, ihnen im Rahmen des Möglichen freundlich und tolerant auftreten. Wären wir nur nett zu unseren eigenen jungen Leuten, wäre das nicht gerade ein Nachweis der Libertas Bavariae, der wir uns verpflichtet sehen. Und im Übrigen darf man durchaus immer noch an dem lustig gemeinten Satz festhalten, daß, wer mit 20 nicht links ist, kein Herz hat, und wer mit 40 immer noch links ist, kein Hirn.

Nun ist es natürlich so, daß diese ach so menschenfreundliche, „revolutionäre“ Politik, die angeblich doch nur das Gute für den Menschen will, zuweilen etwas grob daher kommt. Da gibt es Gewalt gegen Sachen, vielfach zu bestaunen rund um den Jamnitzer Park und den „Stadtteilladen“, der immer noch keine Stadtteile im Angebot hat. Übrigens ist der Eindruck stark, daß viele jener in Gostenhof ihr Mütchen kühlender politischer Dilettanten gar nicht in Gostenhof leben, sondern es nur als Bühne für ihre Auftritte ge-, mißbrauchen.

Da werden aber auch schon mal Menschen geschlagen. Da wurden Vorwürfe in Richtung „Organisierte Autonomie“ laut, die von dort harsch zurückgewiesen wurden. Zu der Prügelattacke, die vom „linken Spektrum“ ausgegangen ist, kam es nach einer „revolutionären Demo“, nachdem die Polizei nicht mehr vor Ort war.

Die Sprecherin der „Organisierten Autonomie“ verkündete: „Man zieht hier wegen des Flairs her und schützt sich dann vor eben diesem Flair“. Sie machte – natürlich – auch die Polizei selbst für die Eskalation verantwortlich; man kennt das.

Nun aber ist etwas geschehen. Dem Bürger stockt der Atem. In Gostenhof breitet sich Angst aus. Was ist los?

Eine Fensterscheibe des „Stadtteilladens“ ging zu Bruch. Die „Organisierte Autonomie“ vermutet, daß es „Pegida“-Leute waren. Das kann ich nicht beurteilen; es mag stimmen. Es ist auch richtig, daß das umgehend zu ahnden ist und die dafür Verantwortlichen vom Rechtsstaat mit aller Deutlichkeit gezeigt und gesagt bekommen, daß solche Mittel – Gewalt gegen Sachen – in unserem Staat kein zulässiges Mittel der politischen Auseinandersetzung sind und sein dürfen. Zugleich beklagt sich die „Organisierte Autonomie“, daß angeblich die Polizei nicht kam.

So weit, so gut. Oder: so peinlich. Denn die vom eigenen Umfeld ausgehende Gewalt gegen Sachen, die dutzendfache Sachbeschädigung, wird nicht so scharf verurteilt. Zu solcher Erkenntnis kommt man anscheinend nur, wenn die eigenen Sachen betroffen sind. Und dann wird es peinlich. Es kündet von einer politischen Unreife, die einem Fünfjährigen gut zu Gesichte steht, für die sich aber ein angeblich erwachsener Mensch zum Schämen in die Ecke stellen sollte.

Es ist völlig egal, wem eine Fensterscheibe gehört, und es ist völlig egal, wer sie einschmeißt: Sachbeschädigung ist und bleibt Sachbeschädigung und ist zu ahnden. Ob der Stein zum Wohl der Menschheit fliegt oder zu ihrer Unterdrückung, ist völlig gleichgültig.

Die „Organisierte Autonomie“ beklagt sich allen Ernstes, daß die Polizei wegen Arbeitsbelastung erst später kam und nicht Gewehr bei Fuß stand. Aber das fällt den etwas weinerlichen Zeitgenossen wohl erst dann ein, wenn es die eigene Fensterscheibe ist (und nicht der eigene Stein).

Die „Organisierte Autonomie“ ist für den Fremdschäm-Preis 2015 vorzuschlagen: Peinlicher geht’s nimmer.

Advertisements