Wenn Heuchler heucheln

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Jerusalem: Die Klagemauer; links oben die goldene Kuppel des Felsendoms, rechts die silberne Kuppel der Al-Aqsa-Moschee – © Freud
Jerusalem: Die Klagemauer; links oben die goldene Kuppel des Felsendoms, rechts die silber-graue Kuppel der Al-Aqsa-Moschee – © Freud

#859 Der heutige Tag bietet Themen für mehrere Artikel. Eines allerdings ist besonders auffällig, weil die Zeitung es mal wieder einfach so übersehen hat. Es geht darum, daß geheuchelt wird – und keinen stört’s: alle heucheln mit.

Eine stellvertretende Ministerin in Israel hat gefordert, die israelische Flagge auf dem Tempelberg wehen zu lassen. Das ist nicht wirklich eine gute Idee, aber der Reihe nach.

Der Tempelberg ist der Ort, an dem der jüdische Tempel stand; er wurde letztmals im Jahr 70 zerstört; geblieben ist ein Teil der Umfassungsmauer: die Klagemauer oder Westmauer.

Oben auf dem Berg wurde kein Tempel mehr errichtet. Die Muslime errichteten hier 691 den Felsendom, weil Mohammed von hier seine Himmelfahrt angetreten habe. Nur ein paar Schritte weiter steht die Al-Aqsa-Moschee, etwa 717 erbaut.

Hier stand wohl auch einmal eine christliche Kirche, von der aber nichts weiter erhalten blieb.

Der Tempelberg war bei Israels Gründung zunächst jordanisch. Nachdem die arabischen Nachbarstaaten Israel am Tag nach seiner Gründung den Krieg erklärten und 1967 im Sechs-Tage-Krieg wiederum das Land überfielen, eroberten die Israelis auch diesen Teil Jerusalems.

Während zuvor die Klagemauer nicht zugänglich war, sind die islamischen Stätten nun den Moslems zugänglich. Israel hat die Kontrolle über den Tempelberg an die jordanische Religionsbehörde Waqf abgetreten. Die verhindert zwar, daß beispielsweise Christen dort beten dürfen – Juden sowieso –, aber daß man vor dort oben mit Steinen auf die Menschen, die unten an der Klagemauer stehen, wirft: das verhindert sie nicht. Daß sich dort – in einer Moschee! – Jugendliche verbarrikadieren und sich bewaffnen, verhindert die Waqf nicht. Aber wehe, man hat eine Bibel dabei…

Es ist festzuhalten, daß Israel den Moslems – israelischen Staatsbürgern ebenso wie anderen – den Tempelberg überläßt. Die Jordanier aber überließen einst die Klagemauer nicht den Juden.

Israel hat nicht die Absicht, dieses Stück Land wieder herzugeben. Es verhält sich auch so, daß dagegen aus praktischen Erwägungen nicht viel zu sagen ist – während umgekehrt der Umgang nicht so fair war. Nun ist Israel ein Staat, in dem Juden, Moslems, Christen, Agnostiker, Atheisten frei leben können. Sogar Veganer.

Aber hier, mitten im israelischen Jerusalem, gibt es in der Altstadt, gleich links vom Bild oben, das muslimische Viertel. Hier werden in den Läden im Basar T-Shirts angeboten, auf denen Haßtiraden gegen Israel stehen, auf denen zur Gewalt aufgerufen wird. Die Israelis lassen das zu – in einer freien Gesellschaft darf man auch solchen Blödsinn sagen.

Die Idee der israelischen Vizeministerin, auf dem Tempelberg die israelische Fahne wehen zu lassen, ist unsensibel. Man muß nicht alles machen, was man machen kann. Wenn man der Zwei-Staaten-Lösung eine Chance lassen will – viele haben sie schon für politisch tot erklärt –, dann kann nur hier die Grenze verlaufen, so daß der Tempelberg palästinensisch, die Klagemauer aber israelisch ist.

Was aber nicht geht – und jetzt sind wir bei der Heuchelei: Man kann nicht die eine Fahne für eine Provokation halten, die andere aber nicht. Man kann eben nicht so tun, als würden die Israelis den Moslems den Tempelberg wegnehmen – tun sie nicht – und zugleich kein Wort darüber verlieren, daß die Klagemauer den Juden sehr wohl weggenommen wurde, als dazu noch die Möglichkeit bestand.

Wer den Vorschlag dieser israelischen Vizeministerin ablehnt und verurteilt, der möge das dann aber auch andersherum tun: sonst zeigt er, daß er doppelte Standards ansetzt, das Handwerkszeug aller Relativisten, aller Unredlichen.

Der Vorschlag ist übrigens natürlich deutlich abzulehnen. Aber im Gegenzug möchte man doch schon mal hören, daß dort auch die gemäßigteren Kräfte zu Wort kommen und nicht jenen das Feld überlassen wird, die übelste Haß-Propaganda betreiben.

Von den Israelis kann man durchaus Bedachtsamkeit einfordern. Aber wenn man das nur von ihnen fordert und die anderen einen irrationalen Wut- und Empörungstanz nach dem anderen aufführen läßt, dann macht man sich zum Heuchler.

Gleiches Maß!

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