Des Führers Toilette

Ehemalige Toilette – © Freud
Ehemalige Toilette in der Zeppelintribüne – © Freud

#851 An diesem Wochenende tagten in Nürnberg viele hochrangige Köpfe, die sich aus verschiedenen Wissenschaften dem Thema des Reichsparteitagsgeländes und der Frage, wie man es erhalten soll, annäherten. Es wurde Kluges und weniger Kluges gesagt.

Etwas deplatziert etwa war der Vorschlag, es zu einer Art „Betroffenheits-Disneyland“ zu machen: Vorne kommt der ungebildete Mensch rein und hinten der Betroffene heraus, nachdem ihm dort – das wurde wirklich vorgeschlagen! – unter anderem der Völkermord in Kambodscha erläutert wurde. Und das Flüchtlingsthema sowieso. Das ist Kokolores, es handelt sich hierbei nicht um eine moralische Besserungsanstalt.

Das Reichsparteitagsgelände ist eine merkwürdige Hinterlassenschaft. Es ist einzigartig. Sein Sinn und Zweck war damals schon eine Show, eine Kulisse. Wer würde beim Anblick der mächtigen Zeppelintribüne und des wuchtigen Gebäudes darauf schon auf die Idee kommen, daß es doch an sich nur ein Toilettenhäuschen ist? Denn eben dies war, neben der Funktion als Kulisse, die eigentliche, praktische Aufgabe dieses Gebäudes.

Der Reichsparteitag der NSDAP, zuletzt 1938 abgehalten, war eine durchaus merkwürdige Veranstaltung. Die daran teilnehmenden BDM-Mädchen wurden zu einem recht hohen Anteil neun Monate später Mütter. Der aber vor allem stärkste Eindruck in den Erinnerungen der Teilnehmer war wohl die Tatsache, daß es Usus war, den Ausflug nach Nürnberg als Gelegenheit zum Besäufnis wahrzunehmen. In dieser Mischung aus biergeschwängerter Frivolität wurde der Parteitag der NSDAP veranstaltet.

Was man heute nicht sehr oft liest: Die Nationalsozialisten hatten durchaus Probleme, Menschen für den Parteitag zu gewinnen. War es in den Frühzeiten noch so, daß begeisterte Nationalsozialisten aus dem ganzen Reich nach Nürnberg strebten, so war es in den letzten Jahren, also bis 1938, in der Tat ein Problem geworden, die erforderlichen Massen nach Nürnberg zu karren. Eltern sahen ihre Söhne, vor allem ihre Töchter nicht gerne zu diesem merkwürdigen „Gig“ reisen, Ehefrauen mochten ihre Männer nicht so gerne dem dumpfen Treiben überlassen.

Das Reichsparteitagsgelände war damals schon eine Kulisse, die etwas vorgaukelte, was nicht stimmte: Volksgemeinschaft, Größe, Erhabenheit. Der Nationalsozialismus kannte keine „Volksgemeinschaft“, sondern nur ein inszeniertes Trugbild derselben. Er war alles mögliche, aber nicht groß. Erst soll er der „größte“ aller Führer gewesen sein, dann der „größte“ Verführer und der „größte“ Verbrecher. Dabei waren er und seine Satrapen doch wohl eher wildgewordene Spießer, wie Joachim C. Fest sagte. Der Fehler liegt bei der vermuteten Größe: Es war eher Mickrigkeit. Auch ein kleines Kind kann, wenn mit Streichhölzern versehen, eine Stadt abbrennen. Da war nichts „groß“. Auschwitz ist nicht „groß“ – zwar ungeheuerlich raumgreifend, im Topos wie in der Fläche, aber nicht groß.

Auschwitz war aber noch ein kleines polnisches Städtchen ohne besondere Merkmale namens Oswiecim, als auf dem Reichsparteitagsgelände 1938 die Lichter ausgingen. Die Shoah steckt in diesen Steinen nicht drin.

Wir sollten das Gelände als Ort seiner selbst erhalten, aber nicht überfrachten. Es war eine Kulisse – keine Realität, auch wenn es real war. Es steht für die ersten Jahre dieses Regimes, also für die Zeit, in der die Zustimmung der Bevölkerung eine große war. Das Jammern kam erst später, meist erst nach 1945, einen Weltkrieg, viele zerstörte Länder (auch das eigene) und sechs Millionen toter Juden später. Bis 1938 aber war es eine große Freiluftbühne, auf der die bis heute in den Köpfen vorhandenen, aber eben meist verlogenen Bilder präsentiert wurden.

So ein Gelände gibt es kein zweites Mal. Auch deswegen sollen wir es erhalten, denn: wenn es weg ist, ist es weg. Die Arbeit, die im Dokumentationszentrum geleistet wird, wurde zu Recht beim Symposium allseits gelobt. Aber jene, die nun mit Vorschlägen, die von einem recht sinnlosen Aktionismus künden, ankommen, soll entgegengehalten werden: Es war nur des Führers Toilette.

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