Unterscheiden ist Verstehen

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#848 Der 50. ist gefeiert – in Wien, wie der Facebook-Nutzer sehen konnte –; ich danke herzlich für die vielen Grüße und Wünsche.

Freilich hoffte ich in aller unschuldigen Naivität, daß die Welt an und für sich darauf gesittet Rücksicht nähme und wenigstens die ärgsten Dummheiten für ein paar Tage unterließe, auf daß ich mich nicht aufrege. Aber: nichts war’s.

So schlagzeilten die Nürnberger Nachrichten gestern: „Flüchtlinge protestierten spontan“. Nun sollte der aufgeklärte Mensch mit dem Wort „spontan“ in Zusammenhang mit Demonstrationen vorsichtig und sehr bewußt umgehen. Der Mißbrauch dieses Wortes durch die Nationalsozialisten – gerade im Zusammenhang mit der sich bald wieder jährenden „Reichskristallnacht“ – sollte bekannt sein. Auch damals wurde von (staatlicher) Seite behauptet, daß es „spontan“ zu den Demonstrationen gekommen sei; in Wirklichkeit waren die Ausschreitungen sorgsam vorbereitet und koordiniert.

Wenn man sich nun auf dem Bild in den NN ansieht, wer und was da demonstrierte, muß skeptisch werden. Wenn Kinder demonstrieren gehen, etwa Zehnjährige, dann weiß man, daß sie mißbraucht werden. Sie sollen Mitleid erregen und dem Demonstrationszweck einen ach so süßen und sauberen Anstrich geben. Deswegen mögen Diktatoren auf aller Welt und zu aller Zeit Bilder mit süßen, unschuldigen Kindern. Man sollte sich hüten, die feine, aber deutliche Grenze zwischen „Politiker kümmern sich um die Belange von Kindern“ und „Politiker mißbrauchen Kinder für ihre politischen Zwecke“ zu überschreiten.

Zugleich halten die „Demonstranten“, die womöglich nicht einmal ahnten, wofür oder wogegen sie da demonstrierten, ihre Schilder in durchaus gutem Deutsch hoch. Was soll denn das? Die Glaubwürdigkeit wird durch solche Bilder nicht erhöht.

Rückblende: Es gibt viele Geschichten von Flucht, etwa von jüdischen Nürnbergern während der Zeit des Nationalsozialismus. Jene, die dem Morden entrinnen konnten, erzählen zuweilen davon. Aber nie, wirklich: nie, hat einer dieser Menschen, die dem Tod knapp entkamen, am Ort seines Asyls wegen Problemen bei der Essensausgabe, der verspäteten Auszahlung des Taschengelds oder dem knappen Raum in der Sammelunterkunft öffentlich demonstriert. Die Geschichten von vor 80 Jahren, die ich kenne, handeln von Dankbarkeit. Sie sind nicht getragen von einem irren Anspruchsdenken.

Man darf den Menschen hier nicht zu viel zumuten.

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